Aktuelles aus 2011

2 Js 15/92 - E. Installation und späterer Abbau von Erdminen und Selbstschussanlagen (Splittermine SM-70)

I. Ausbau der Grenzsperren an der innerdeutschen Grenze bis einschließlich 1978

Nach Abriegelung der Westsektoren Berlins vom Ostsektor und dem Umland am 13. August 1961 beschloss die politische und militärische Führung der ehemaligen DDR spätestens im Herbst 1961 die verstärkte Errichtung von Minensperren an der innerdeutschen Grenze.

Entsprechend hieß es in dem Befehl Nr. 85/61 des Ministers für Nationale Verteidigung vom 19. Oktober 1961, der Maßnahmen zur Verstärkung der Grenzsicherung zum Gegenstand hatte, unter anderem:

„1. Die Sicherung der Staatsgrenze der DDR zu Westdeutschland ist durch die Anlage pioniermäßiger Sperren entsprechend dem „Plan der Pioniersperren“ ... zu verstärken.

Beginn der Pionierarbeiten entlang der Staatsgrenze: 25. Oktober 1961

Abschluss der Arbeiten und Bereitschaft des Sperrsystems: 30. November 1961

2. - 7. pp.“

Ausweislich des Abschlussberichtes des Chefs des Hauptstabes an den Minister für Nationale Verteidigung über die Erfüllung der vorbezeichneten Vorgaben wurden in der 1. Etappe in der Zeit vom 25.10. bis zum 30.11.1961 errichtet:

„179,95 km kombinierte Sperre, davon 73,76 km mit Minen POMS (4526 Stück);

65,83 km Drahtsperren

gesamt 245,78 km = 17 % der Länge der Staatsgrenze“.

Bei der vorbezeichneten Mine POMS handelte es sich in der Ausführung POMS-2 um eine Splittermine sowjetischer Konstruktion und Fertigung, die - zwecks Tarnung mit grüner Farbe behandelt - mittels eines Holzpflocks wenige Zentimeter über der Erdoberfläche installiert wurde und durch einen Spanndraht (Stolperdraht auszulösen war. Bei einer Rundumwirkung des detonierten Sprengstoffes von 25 - 30 m betrug der tödliche Wirkungsradius 8 - 10 m.

Gemäß der Anordnung Nr. 36/62 des Ministers für Nationale Verteidigung vom 30. Juli 1962 war in den entsprechend festgelegten Minensperrabschnitten darüber hinaus die Schützenmine vom Typ PMD-6 zu verlegen, die als Holzkastenmine mit beweglichem Deckel und einem eingelegten 200-g-TNT-Körper durch Auftreten auf den Deckel zur Auslösung gebracht und eine „Verletzung der unteren und mittleren Körperteile“ verursachen sollte.

In der Folgezeit erfolgte die Verlegung weiterer Minen auf der Grundlage der Befehle Nr. 10/62 vom 15. Dezember 1962 und Nr. 15/63 vom 7. März 1963 des Ministers für Nationale Verteidigung.

Nach Abschluss der 4. Etappe der Minenverlegung im Herbst 1963 war die 1382 km lange Staatsgrenze der DDR zu Westdeutschland fast durchgehend pioniertechnisch gesperrt:

774 km = 56,0 %               mit Minensperren
407 km = 29,5 %               mit Drahtsperren
153 km = 11,0 %               mit S-Rollen-Sperren (Stacheldrahtsperren)

Gesamt 1334 km = 96,5 %

Ausweislich der von dem Kommando der Grenztruppen der Nationalen Volksarmee am 8. März 1965 verfassten, nicht unterschriebenen Konzeption zum Thema „Perspektivplanung zur Verbesserung des pionier- und signaltechnischen Ausbaus der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik zu Westdeutschland in den Jahren 1966 bis 1975“ waren im Frühjahr 1965 an der innerdeutschen Grenze

395,3 km Drahtsperren,
115,4 km S-Rollen-Sperren,
777,9 km Minensperren - davon POMS 65,41 km und PMD-6 319,44 km –

angelegt.

Darüber hinaus war im Zusammenhang mit dem pioniertechnischen Ausbau Sicht- und Schussfeld geschaffen und die Grenzsicherung hinter den Sperranlagen organisiert worden.

Am 1. Februar 1967 trat die vom Chef der Grenztruppen der Nationalen Volksarmee erlassene Dienstvorschrift DV-15/11 - Minensperren der Grenztruppen – in Kraft.

Darin hieß es u.a., Minensperren zur Sicherung der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik zu Westdeutschland hätten unter den zur Grenzsicherung geschaffenen Anlagen die größte Wirkung auf Grenzverletzer.

Zweckmäßig angelegte Minensperren mit hoher Dichte behinderten die Bewegung der Grenzverletzer und führten zu ihrer Festnahme bzw. Vernichtung.

Als im Verlauf des Jahres 1969 im Ministerium für Nationale Verteidigung die Verstärkung der Grenzsicherung durch das Anbringen von Splitterminen (SM-70) erörtert wurde, waren an der innerdeutschen Grenze in einer Länge von über 650 km Minensperren angebracht. Dabei handelte es sich um Minen des Typs PMD 6, PMN und POMS.

Entsprechend den Vorgaben des Ministeriums für Nationale Verteidigung wurde ab 1971 aufgrund der Anordnung Nr. 6/71 des Chefs Pionierwesen der Grenztruppen vom 7.7.1971 die innerdeutsche Grenze systematisch mit der Splittermine SM-70 aus gerüstet.

Bei der Splittermine SM-70 (spätere Bezeichnung des Sperranlagesystems insgesamt: 501 bzw. 701) handelte es sich um eine in der DDR als Weiterentwicklung eines ursprünglich in der CSSR produzierten Systems gefertigte Splittermine. Sie bestand aus einem metallenen Schusstrichter, gefüllt mit 110 g TNT, versehen mit einer Schicht eingegossener Metallsplitter, die durch Auslösen entsprechender Kontakte zur Detonation führen und als Streugeschosse wirken sollten. Die Wirkungsweite sollte ca. 20 m betragen und in unmittelbarer Nähe tödlich sein.

Im Hinblick auf die erhebliche Streuwirkung der SM-70 sollten die Minen bei Richtungsveränderungen im Sperrenverlauf so angebracht werden, dass bei einer Detonation keine Splitter die Staatsgrenze in Richtung Westdeutschland überfliegen bzw. auf dem Territorium der DDR Angehörige der Grenztruppen bei ihrer Dienstdurchführung verletzen konnten.

Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten wird auf die folgenden Schaublätter Bezug genommen.

In der im November 1971 vorgelegten Kollegiumsvorlage Nr. 23/71 des Ministers für Nationale Verteidigung, eingereicht und unterzeichnet vom damaligen Chef der Grenztruppen Generalleutnant Peter wird zur Wirkungsweise der SM-70 folgendes ausgeführt:

„Mit der Sperranlage SM-70 kann in wirksamer Weise den Forderungen der Grenzsicherung nach einer qualitativ hochstehenden technischen Sicherstellung der Handlungen der Einheiten zur Gewährleistung der Sicherheit der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik entsprochen werden.

Die SM-70 ist eine Mine mit richtungsgebundener Wirkung unter Teilausnutzung des kumulativen Effektes.

...

Nach erfolgter Detonation breitet sich eine kegelförmige Splittersäule aus, deren Mittelachse richtungsgleich zu der vor der Detonation bestehenden Körperachse der Mine verläuft.

Die kinetische Energie der Splitter reicht aus, um mit Sicherheit Personen unschädlich zu machen, die versuchen, den Sperrbereich der SM-70 zu durchbrechen.

Seit Juni 1971 wurden 10 km Grenzabschnitt in einer Hauptrichtung der Bewegung der Grenzverletzer nördlich Salzwedel durch zwei Anlageneinheiten SM-70 gesperrt. Im Verlauf der Truppenerprobung hat sich der mit SM-70 ausgebaute Sperrzaun als wirksame Grenzsicherungsanlage erwiesen.

...

Die Splitterwirkung der durch Wild ausgelösten Minen bestätigt die Aussage, dass Personen, die versuchen, die Sperre zu durchbrechen, tödliche beziehungsweise so schwere Schädigungen erhalten, dass sie nicht in der Lage sind, die Staatsgrenze zu verletzen.

...

Bei einer Gegenüberstellung der Anlagen SM-70 mit Minensperren des Typs 66 stellen sich folgende Vorteile heraus:

Die zuverlässige Sperrwirkung.

Ohne Hilfsmittel und genaue Kenntnis der Funktionsweise ist die Sperre nicht zu überwinden;

Der geringe Kostenaufwand;

5 km Sperrenlänge SM-70 kosten ca. 660.000 Mark, die Minensperre Typ 66 jedoch ca. 970.000 Mark.

Die Möglichkeit, entsprechend der politischen Situation mit den Sperreigenschaften der Anlagen zu variieren, indem scharfe Minen gegen Signal-, Rauchladung und ähnliches kurzfristig ausgetauscht werden können.

Mithin hat sich die SM-70 in der Truppenerprobung bewährt. Sie stellt das gegenwärtig wirksamste Element des technischen Ausbaus der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland dar und ist zum Sperren der Abschnitte geeignet, die durch die Grenzverletzerbewegung am stärksten gefährdet sind.“

Der Kollegiumsvorlage beigefügt waren vier Blatt Anlagen, die schematisch die Anbringung und Wirkungsweise der Splittermine SM-70 darstellen. Ablichtungen dieser vier Schaubilder werden nachfolgend zur Verdeutlichung beigefügt.

 


Quelle: Schwurgerichtsanklage bei dem Kammergericht, 2 Js 15/92, Seite 143 - 157

Tipp: ...

Abschlussbericht über die Ergebnisse der Truppenerprobung der Minensperre SM-70 (15.09.1971)

O. U., den 15.09.1971

Vertrauliche Verschlußsache
VVS-Nr.: G 079542 1. Ausf. Blatt 1 - 15
1. Ausfertigung, 15 Blatt

Nationale Volksarmee
Kommando der Grenztruppen
- Chef Pionierwesen -

Az.: 73 20 22 / 52 94 04

Abschlussbericht über die Ergebnisse der Truppenerprobung der Minensperre SM-70

1. Allgemeines zur Anlage SM-70

Auf der Grundlage des Befehls 56/70 des Chefs der Grenztruppen wurde im Oktober 1970 mit der Errichtung eines Erprobungsabschnittes der Splittermine SM-70 im Grenzregiment – 24 (3. u5. Grenzkompanie) begonnen.

Der Erprobung lag die Zielstellung zugrunde, beweiskräftige Angaben über die taktische und pioniertechnische Verwendbarkeit der Minensperre SM-70, eingebaut in Sperren der Typen Grenzzaun I und Minensperre 66, zu erbringen.

Der befohlene Abschnitt liegt in der Hauptrichtung der Bewegung der Grenzverletzer. Die geographisch-hydrologischen Bedingungen des Geländes haben unterschiedlichen Charakter.

Länge des Erprobungsabschnittes = 15 km

Davon:

Variante 1:

3 Minenlinien - vertikal am Grenzzaun 1 angebracht = 5,0 km

Variante 2:

2 Minenlinien - vertikal am freundwärtigen Zaun der Minensperre angebracht = 10,0 km
Befohlener Termin der Fertigstellung: 31.12.70

Zeitraum der Truppenerprobung: 01.01.1971 bis 15.08.1971
Auf Grund von nicht rechtzeitig zugeführtem Material sowie der extremen Witterungsbedingungen im Winterhalbjahr, konnten die vorgegebenen Termine der Fertigstellung und Erprobung nicht eingehalten werden. Konstruktive und technologische Veränderungen, die sich während des Ausbaus als notwendig erwiesen, brachten eine zusätzliche Zeitverzögerung mit sich.
Der erste Bauabschnitt (5 km der Variante 1) in der 5. Grenzkompanie befindet sich seit dem 02.03.71 und der 2. Bauabschnitt (5 km der Variante 2) in der 3. Grenzkompanie, seit dem 03.06.71 im Dauerbetrieb.
Die Arbeiten am dritten Bauabschnitt mussten infolge eines fehlerhaften Nulleiters und Ortstransformators der gesamten örtlichen Netzversorgung im Interesse der Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen unterbrochen werden. An der Beseitigung der Mängel wird gegenwärtig noch gearbeitet.

 

2. Ergebnisse der taktischen Erprobung

Die Minensperre SM-70 hat sich während der Erprobung als wirksame Grenzsicherungsanlage erwiesen. Durch Grenzverletzer wurde nicht versucht, die Sperre zu überwinden. Wild, welches die Minen auslöste, blieb in der Regel auf der Strecke. Die Splitterwirkung an den erschossen Wildarten Reh-, Schwarz- und Federwild lässt den sicheren Schluss zu, dass durch SM-70 verletzte Grenzverletzer tödliche bzw. so schwere Verletzungen erhalten, dass sie nicht mehr in der Lage sind, den Sperrzaun zu überwinden.

2.1. Einfluss der Minensperre auf Umfang und Richtung der Grenzverletzerbewegung

Bisher hat die Minensperre SM-70 keinen Einfluss auf den Umfang der Grenzverletzerbewegung im Abschnitt der Erprobung ausgeübt. Die Richtungen SALZWEDEL – LÜCHOW und ARENDTSEE – PREZELLE haben sich mit einer im Vergleich zum Vorjahr verstärkten Grenzverletzerbewegung in der Richtung DDR – BRD erneut bestätigt. Als wesentlich wird eingeschätzt, dass bisher kein Grenzverletzer versucht hat, die mit der SM-70 verstärkten Sperren zu überwinden. Seit Errichtung der Anlagen umgehen Grenzverletzer diese Abschnitte.

Anmerkung RG: Woher wussten DDR-Flüchtlinge von den SM-70-Anlagen???

Es liegen zuverlässige Angaben darüber vor, dass Grenzverletzer die erforderliche Orientierung bereits im Hinterland mit Schwerpunkt Salzwedel erhalten.
Damit kann als erwiesen gelten, dass die Minensperre SM-70, wie erwartet, den Forderungen der Grenzsicherung entspricht und geeignet ist, die Grenzverletzerbewegung im gesperrten Abschnitt zu unterbinden bzw. herauszudrängen.

2.2 Operative Wertung der Sperreigenschaften

Die Minensperre SM-70 gibt den Kommandeuren und Einheiten eine wirksame technische Grundlage für Organisation und Durchführung der Grenzsicherung.

Mittels augenscheinlicher Einschätzung lässt sich die Aussage treffen, dass der mit der SM-70 verstärkte Grenzzaun ein Maximum an Sicherheit gegen das Überwinden der Sperre bietet. Der 2 m-Zaun der Minensperre ohne nachfolgende erdverlegte Minen, bietet diese Sicherheit nur bedingt.

Die vorrangige Eignung des Grenzzauns I als Träger der Splittermine SM-70 wird wie folgt begründet:

Die …. des Grenzzaunes I gewährleisten gegenüber den zwei Minenlinien am freundwärtigen Zaun der Minensperre Typ 66 eine wesentlich höhere Wirksamkeit.

Erfahrungen zeigen, dass durch Minen geschädigte Grenzverletzer noch in der Lage sind, den 2 m-Zaun der Minensperre zu überwinden

Durch den Einbau der SM-70 am freundwärtigen Zaun der Minensperre Typ 66 wird die Bergung verletzter Personen aus dem Innenraum der Sperre erschwert.

Die höhere Standfestigkeit des Grenzzaun I gewährleistet eine unveränderliche Lage der Minen am Trägerzaun.
Mit Beginn der Truppenerprobung lagen noch keine zuverlässigen Angaben über die Ausdehnung des Splitterbereiches der Minen, gemessen senkrecht zur Detonationsachse, vor.
Garantierte Angaben über die Tiefe des Gefahrenbereiches sind jedoch eine unbedingte Voraussetzung für den Einsatz der eigenen Kräfte und die operative Nutzung der Sperre in der Grenzsicherung. Da diese Werte durch die Truppenerprobung nicht erbracht werden können, wird vorgeschlagen, vorübergehend den bisher festgelegten Sicherheitsabstand von 10 m auf 100 m unter Beibehaltung der befohlenen Sicherheitsbestimmungen zu erhöhen.


2.3 Grundsätze für das Handeln in mit SM-70 gesperrten Grenzabschnitten

Die …. SM-70 fordert keine grundsätzlich neuen …..und Methoden der Grenzsicherung. Sie gestattet jedoch in Ausnutzung der bisher angeführten qualitativen Merkmale eine Grenzsicherung mit hoher Effektivität durchzuführen, die in technischer Hinsicht garantiert, dass der unmittelbare Zugang zur Staatsgrenze wirksam gesperrt ist.
Unter Beachtung des Ausbaus der Staatsgrenze mit der SM-70 ergeben sich somit folgende Grundsätze für den taktischen Einsatz der eigenen Kräfte, die entsprechend den jeweiligen konkreten Bedingungen zu präzisieren sind:
(1) Die Festlegung der vorderen Begrenzung des Posteneinsatzes muss eine zuverlässige Beobachtung und Sicherung des Grenzabschnittes gestatten und jede Verletzung der eigenen Kräfte ausschließen. In der Regel ist als vordere Begrenzung des Posteneinsatzes die feindwärtige Seite des Kolonnenweges festzulegen.
(2) Die bisher im Erprobungsabschnitt gesammelten Erfahrungen zeigen, dass bei einem Gefahrenbereich von 10 m Tiefe die Grenzposten durch die SM-70 in ihren Handlungen, einschließlich der Nutzung des Kolonnenweges, nicht eingeschränkt wurden. Besondere Bedeutung erlangt der motorisierte Einsatz von Grenzposten, die mit Scheinwerfern ausgerüstet sind. Diese beweglichen Grenzposten sind in der Lage, sofort nach dem Auslösen von Minen entlang des Kolonnenweges aktiv zu handeln. Der Einsatz zusätzlicher Kräfte der Einheit (Bergungstrupp, Alarmgruppe) kann vom Ergebnis der Soforthandlungen der Grenzposten abhängig gemacht werden.
(3) Die Kontrolle des Kontrollstreifens kann, wenn der Kolonnenweg außerhalb des Gefahrenbereiches liegt, bei eingeschalteter Anlage durchgeführt werden. Befindet sich der Kolonnenweg im Gefahrenbereich, ist vor Beginn der Kontrolle die Anlage abzuschalten.
In jedem Fall muss gelten:
Der Gefahrenbereich ist bei eingeschalteter Anlage nicht zu betreten.
Bei Gewitter bzw. Herannahen von atmosphärischen Entladungen ist unabhängig davon, ob die Anlage eingeschaltet ist, ein Betreten des Gefahrenbereiches nicht gestattet.
(4) Die Durchführung von Arbeiten der Grenzbevölkerung im gesperrten Abschnitt kann bis zur Grenze des Gefahrenbereiches zugelassen werden. Bei Viehaustrieb müssen besondere Anforderungen an die Ausbruchssicherheit der Koppeln gestellt werden.
(5) Durch die Kompaniechefs sind Varianten für das Handeln nach dem Auslösen der Minensperre SM-70 bzw. dem Abschalten von Zonen auszuarbeiten. Diese Varianten sind …………zu dokumentieren und durch den Kommandeur des Grenzbataillons zu bestätigen.
Die Alarmgruppe/Bergungsgruppe ist ständig für den Einsatz in Richtung der Minensperre in Bereitschaft zu halten. Sie ist mit einer Funkstation und für das Handeln zur Nachtzeit mit einem Scheinwerfer 100 W auszustatten. Der Einsatz der Gruppe erfolgt auf Befehl des Kompaniechefs bzw. des mit der Führung der Grenzkompanie beauftragten Offiziers unter strenger Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen.
(6) Jeder im Grenzabschnitt handelnde Grenzposten hat die Wahrnehmung von Minendetonationen bzw. anderer Anzeichen, die auf den Versuch, die Minensperre SM-70 zu überwinden, schließen lassen, sofort zu melden. Die Linie der vorderen Begrenzung de Posteneinsatzes ist vom Grenzposten erst dann zu überschreiten, wenn dazu der ausdrückliche Befehl des Kompaniechefs bzw. des mit der Führung der Grenzkompanie beauftragten Offiziers erteilt wird.


3. Ergebnis der pioniertechnischen Erprobung der Minensperre SM-70

3.1. Sperrtechnischer Teil der Anlage

Die konstruktive Lösung zur Anbringung der Minen am Grenzzaun I und am freundwärtigen Zaun der Minensperre ist zweckmäßig. Die Wirksamkeit der Minen wurde bei 33 Minendetonationen, ausgelöst durch Wild, nachgewiesen. Wildschweine, Rehe und Flugwild wurden überwiegend (76 %) tödlich getroffen.
Insgesamt erfolgten im Zeitraum vom 2.3.71 bis 15.8.71 82 Minenauslösungen.

Ursachen der Minendetonationen:
40 % Wildeinwirkungen
13,5 % Witterungseinflüsse
36,5 % Blitzschlag
10,0 % ungeklärte Ursachen
Der hohe Anteil der Detonationen, verursacht durch Wild (40 %), macht es erforderlich, Maßnahmen zur Reduzierung des Wildbestandes in den betreffenden Abschnitten einzuleiten. Diese Forderung muss erhoben werden, da jede Detonation die Sperrwirkung herabsetzt und den Einsatz von Sicherungs- und Instandsetzungskräften erforderlich macht.
Die relativ große Anzahl von Minendetonationen durch Blitzschlag ist konstruktiv bedingt und kann gegenwärtig nicht verändert werden.
Die Auswertung der Minendetonationen zeigte weiterhin, dass Beschädigungen an den Elementen der Sperre nicht auftraten. Aufprallstellen an den Betonsäulen sowie an den Metallteilen der Sperre lassen die Schlussfolgerung zu, dass Splitter aus der Detonationsachse über den bisher festgelegten Sicherheitsabstand von 10 m abgelenkt werden. Die Flugweite, Richtung und Durchschlagskraft der abgelenkten Splitter konnte nicht ermittelt werden. An Richtungsveränderungen im Sperrenverlauf erhält diese Feststellung eine besondere Bedeutung für die Sicherheit der eingesetzten Kräfte.


3.1.2. Minenhalterungen

Die Anordnung der Halterungen (1 Minenhalterung und 7 Zwischenhalterungen) hat sich als brauchbar erwiesen. Zum Auswechseln der Minenhalterungen nach einer Minendetonation muß teilweise die Sperre überstiegen werden. Durch …. setzen von Rost wird das Lösen der Schraubverbindungen kompliziert. Es erweist sich als zweckmäßiger, das Minentragrohr von der Befestigungslasche zu trennen und durch eine Steck- und Klemmverbindung zu ersetzen. Alle Arbeiten könnten dann freundwärts der Sperre durchgeführt werden.
3.1.3 Um eine exakte Temperatureinstellung und Kontrolle zu ermöglichen, ist ein Anbringen der Temperaturskala beiderseits erforderlich. Die derzeitige Konstruktion erfüllt diese Anforderung nicht. Zur Vereinfachung der Befestigungsmethode des Spanndrahtes wird eine Klemm- oder Schraubverbindung vorgeschlagen. Die gegenwärtige Form der Verraupung erwies sich als dehnungsempfindlich. Unter den Bedingungen der Sommerperiode kann der Schalter als funktionssicher eingeschätzt werden.

3.1.4 Minen

Das Einrichten der Minen in den Beschusssektor kann mit gegenwärtigen Justiereinrichtungen nicht exakt erfolgen. Die Justiereinrichtung wurde für eine Erdvariante entwickelt und ist auf Grund der vorhandenen Abweiserdrähte nicht einsetzbar. Im Interesse der Sicherheit ergibt sich die Forderung nach einer Justiereinrichtung, die den neuen Bedingungen beim Einbau der Minen entspricht.

3.2 Elektrotechnischer Teil der Anlage

Der elektrotechnische Teil der Minensperre SM-70 erfordert bei der Einrichtung und Instandhaltung Aufwand an Material, Kräften und Zeit.
Die ….. der Montage und Instandhaltung zeigen, dass der elektrotechnische Teil sehr kompliziert im Aufbau und störanfällig im Betriebszustand ist. Bei der Montage eines Komplektes sind z.B. 3600 Lötverbindungen herzustellen. Alle anfallenden Arbeiten stellen hohe Ansprüche an handwerkliche Fähigkeiten und das Fachwissen der eingesetzten Kräfte.
Im ersten Bauschnitt wurden neben Spezialisten auch …..Armeeangehörige eingesetzt. Wohingegen im zweiten Bauabschnitt alle wichtigen Installationsarbeiten durch eine kleine Gruppe ausgewählter Genossen durchgeführt wurden. Die wesentlich störungsfreiere Arbeitsweise des zweiten Komplektes zeigt eindeutig, welche hohen Ansprüche an den Kräfteeinsatz bei der Montage gestellt werden müssen.

Als Schwerpunkt bildeten sich bei der Montage und Instandsetzung heraus:

Störungen in der Zentrale
Dichtheit der Verteilerkästen
Isolation der Stichleitung
Witterungsbeständigkeit der Brechplatten
Lokalisierung von Fehlern.

 


3.2.1 Schalt- und Prüfgerät (Zentrale)

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Zentralen die vorgegebenen Parameter erreichen und bei ordnungsgemäßer Installierung des Kabelsystems und dem Verteilerkasten störungsfrei arbeiten. Da bei dem ….. montierten Bauabschnitten diese Forderungen nicht …. erfüllt wurden, kam es zu einer …. Anzahl von Ausfällen. Im Zeitraum vom 02.03.71 bis 15.05.71 wurden 7 bereits eingesetzte Zentralen der Herstellerfirma zur Instandsetzung zugeführt. Die aufgetretenen Störungen ihre Fehlerquellen konnten durch den Instandsetzungstrupp nicht beseitigt werden.
Als besonders anfällige Elemente erwiesen sich die Signal-, ….Transverter und Netzteile der Schalt- und Prüfanlagen.

3.2.2 Kabel ……für … Betriebs- und Zündspannung

Die verwendeten Kunststoffkabel entsprechen den Anforderungen. Eine Verarbeitung bei Temperaturen unter +4°C ist nicht möglich. Arbeiten bei Frost im ersten Bauabschnitt führten zu Isolationsschäden der Kabel.

3.2.3 Verteilerkästen

Die Verteilerkästen mit dem Schutzgrad IP 54 sind nicht für die Verlegung im Erdreich geeignet. Eindringendes Oberflächenwasser führt zur Bildung von Kriechströmen, ruft unkontrollierbare Signalauslösungen und Zerstörungen in den einzelnen Schalt- und Prüfanlagen hervor. Maßnahmen des zusätzlichen Abdichtens mit Regenrinnenkitt blieben nur zeitweilig wirksam. Für die Betriebssicherheit der Gesamtanlage ist der Schutzgrad IP 68 erforderlich. Beim Aufbau der Anlage während der Wintermonate zeigte sich, dass die Verteilerkästen im Erdboden einfrieren. Durch Auftauen und Aufhacken wurden Beschädigungen an den Kästen und Kabeln verursacht.

Zur Fehlersuche ist es erforderlich, die Lötverbindungen zu lösen. Dazu muss die Kabelvergussmasse ausgestemmt bzw. ausgeschmolzen werden. Bei diesen Arbeiten treten ebenfalls Beschädigungen am Kabelsystem und den Verteilerkästen auf.

Um die Instandhaltung zu vereinfachen und den Zeitaufwand zu reduzieren, wird vorgeschlagen, den Neuerervorschlag Reg.-Nr. 50934/71 über Veränderungen an der Klemmleiste des Verteilerkastens zu realisieren.

3.2.4 Stichleitungen

Die Isolation der bisher verarbeiteten Stichleitungen wurde durch Wildverbiß in mehreren Fällen beschädigt. Weitere Schäden traten auf bei Arbeiten während der Frostperiode (Brechen der Isolation).
Durch Verwendung des Kabeltyps H II yy t ab 1971 sollen die genannten Mängel ausgeschaltet werden. Ergebnisse liegen zur Zeit noch nicht vor.

3.2.5 Brechplatten

Die im Erprobungsabschnitt verwendeten Brechplatten weisen eine äußerst mangelhafte Qualität in der Verarbeitung auf. Die aufgeklebte Kupferfolie löst sich, die Isolation der Drähte und die Lötstellen brechen. Bisher wurden ca. 400 schadhafte Brechplatten (ca. 35 %) festgestellt. Bei feuchter Witterung und anhaltenden Niederschlägen treten in den Anlagen Störungen durch unkontrollierbare Signalauslösungen auf. Nach Abtrocknen der Niederschläge arbeitet die Anlage wieder normal. Die konkreten Ursachen konnten nicht bestimmt werden. Vermutlich werden diese Störungen durch die schlechte Qualität der Brechplatten verursacht.


4. Probleme der Instandhaltung der Anlage SM-70

Zur Gewährleistung der ständigen Einsatzbereitschaft im Erprobungsabschnitt wurde im Grenzregiment – 24 aus Kräften der Pionierkompanie eine Instandsetzungsgruppe in Stärke von 1:1:5 gebildet, eine Analyse des Einsatzes zeigt, dass der Einsatzkoeffizient sehr hoch ist. Insgesamt mussten im Erprobungszeitraum 136 Störungen mit einem Zeitaufwand von 525 Stunden/Trupp behoben werden.
Konstruktiv bedingt ist die Lokalisierung von Fehlern im elektrotechnischen Teil der Anlage nur zonenweise möglich. Daraus resultiert in erster Linie der hohe Zeit- und Arbeitsaufwand. In ungünstigen Fällen mussten die Instandsetzungskräfte bis zu 3 tagen zur Behebung eines Fehlers eingesetzt werden. Die Wirksamkeit der Instandsetzungskräfte wird durch fehlende Austauscheinschübe für Zentralen und Ersatzteile herabgemindert.

 


Schlussfolgerungen

1. Die Minensperre SM-70 hat sich als wirksam erwiesen. Sie gestattet es, die technische Sperrung von Grenzabschnitten auf qualitativ neuer Stufe zu verwirklichen. Abhängig von der Ausdehnung der gesperrten Abschnitte ist es mit Hilfe der Minensperre SM-70 möglich, die Grenzverletzerbewegung zu unterbinden bzw. in für die Grenzsicherung günstige Richtung zu lenken.
Als zweckmäßigste Lösung erweist sich der zusammenhängende Ausbau längerer Abschnitte des Grenzzaunes I, verstärkt durch SM-70.
2. …. Senkens der unkontrollierten Minenauslösungen ist das Wild in den betreffenden Abschnitten ohne Rücksicht auf Schonzeiten niederzuhalten.
3. …. Einsatz der Grenzsicherungskräfte in Abschnitten, die mit der SM-70 gesperrt sind, ergaben sich mit Ausnahme der strengen Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen, keine besonderen Forderungen.
4. Alle Maßnahmen der Montage, Instandhaltung und Kontrolle können bei Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen gefahrlos durchgeführt werden.

Die Beseitigung von Wildkadavern kann gegenüber anderen Minensperrentypen durch Kräfte der Grenzkompanien erfolgen.

…. an der Sperre ergeben sich günstige Bedingungen.
5. Für eine funktionssichere Arbeitsweise der Anlage ist die fachgerechte Installierung des elektrotechnischen Teils ausschlaggebend
Zur Erlangung einer hohen Qualität sind in den Grenzkommandos zentrale Spezialistentrupps für die Montage der elektrotechnischen Elemente aus den Pi-Einheiten zu bilden.


Vorschläge und Bitten

Aus den bisherigen Ergebnissen der Erprobung der SM-70 unter den Bedingungen des Einsatzes an der Staatsgrenze unterbreite ich folgende Vorschläge und Bitten:
1. Erprobung der Splitterwirkung der Mine durch die Erprobungsstelle für Pioniertechnik des Ministeriums für Nationale Verteidigung mit der Zielstellung der eindeutigen Bestimmung der Tiefe des Gefahrenbereiches.
2. Den elektrotechnischen Teil der Anlage konstruktiv weiter zu verbessern, um die Aufbautechnologie zu vereinfachen.
Dazu gehören:
- Bereitstellung von Verteilerkästen mit dem Schutzgrad IP 68
- Realisierung des Neuerervorschlages Reg.-Nr. 50934/71
- Beschaffung geeigneter Materialien zum Ausbau von ….schächten für Verteilerkästen
3. Klärung der Instandsetzungsprobleme durch Organisation der Instandhaltung und Wartung auf folgenden Ebenen:
(1) Im Grenzregiment
Aufrechterhaltung der ständigen Einsatzbereitschaft der sperr- und signaltechnischen Teile.
Für je 3 Sperranlagen (15 km) Bildung einer Instandsetzungstruppe in Stärke von 0:2:3 mit Kfz.
Die Instandsetzungstrupps sind in den Grenzbataillonen zu stationieren. Es wird vorgeschlagen, diese Trupps zu Lasten der Grenzkompanien zubilden, deren Grenzabschnitte mit der Anlage SM-70 ausgebaut wurden.
(2) Das Grenzkommando

 

Durchführen von laufenden und mittleren Instandsetzungsarbeiten an den Prüf- und Schaltanlagen. Dazu in den Grenzkommandos Nord und Süd je eine Werkstatt mit 2 Berufssoldaten und 1 Soldaten auf Zeit einrichten, die mit einer mobilen Werkstatt (B-1000) ausgerüstet sind.

(3) Im Herstellerwerk
Durchführen der Hauptinstandsetzungen an den Prüf- und Schaltanlagen in zweijährigen Intervallen auf der Grundlage langfristiger Verträge.
(4) Bereitstellung von Austauschelementen für die Prüf- und Schaltanlage sowie Ersatzteilsätze für den sperr- und elektrotechnischen Teil.
(5) Bei der Überarbeitung der DV 30/10 Festlegungen zu treffen über die Anwendung der Schußwaffe zum Töten verletzten Wildes sowie der Beseitigung der Tierkadaver.
(6) Weiterführung der Truppenerprobung bis zum 30.04.1972 mit der Zielstellung, aussagekräftige Angaben zu sammeln über die Arbeits- und Verhaltensweise der Minensperre SM-70 unter den Bedingungen des Winterhalbjahres.

Oberst Worbsp

 


Quelle: Nationale Volksarmee, Kommando der Grenztruppen, Chef Pionierwesen,  Vertrauliche Verschlußsache mit dem Titel: Abschlussbericht über die Ergebnisse der Truppenerprobung der Minensperre SM-70. Signatur: VVS-Nr.: G 079542, 1. Ausf. Blatt 1 - 15, Az.: 73 20 22 / 52 94 04, datiert: 15.09.1971

Anordnung der Minensperre SM-70 in drei Reihen am Grenzzaun I

Todesautomaten am Grenzzaun I, montiert an der so genannten freundwärtigen Seite. Foto: © Peter Matera, Grenzschutzschule Lübeck

Todesautomaten am Grenzzaun I, montiert an der so genannten freundwärtigen Seite. Foto: © Grenzschutzschule Lübeck (Peter Matera)

Am Grenzzaun I in drei übereinander liegende Reihen montierte Todesautomaten. Die Sprengtrichter der Splitterminen waren so orientiert, dass die  Stahlsplitter in die so genannte freundwärtige Richtung schossen; sie sollten also die eigne Bevölkerung vernichten.

 


Tipp: Unmenschliche Grenze / [hrsg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für den Heimatdienst. Farbaufn.: Herbert Krug]. - Hannover : Niedersächsische Landeszentrale für Heimatdienst, 1958. - [20] Bl. : überw. Ill. - Sprache der Vorlage: Text dt., franz. und span.

Aktion: „Moderne Grenze″ läuft auf hochtouren

dpa-Brief/Inland

Seite - 3 – 15./16.12.1967 (78 Zeilen)

AKTION „MODERNE GRENZE“ LÄUFT AUF HOCHTOUREN

Die Zone igelt sich immer mehr ein - „Fluchtsichere“ Sperren auf 1350 Kilometer Länge sind das Ziel

Köln, im Dezember 1967

„Aktion moderne Grenze“ heißt das Vorhaben der „Nationalen Volksarmee“ der Sowjetzone, die rund 1350 Kilometer lange Demarkationslinie zwischen beiden Teilen Deutschlands „fluchtsicher zu befestigen.

In den letzten Monaten haben die sowjetzonalen Grenzwächter ihre Anstrengen erheblich verstärkt, die seit 1965 laufende Aktion abzuschließen. Die neueste Erfindung der mit hochdruck arbeitenden Grenztruppen: bis zu 3,20 Meter hohe Metallgitterzäune unmittelbar vor dem freien Geländestreifen an der Zonengrenze, die nicht mehr ohne Hilfsmittel überklettert worden können. Der Informationsdienst des Bundesgrenzschutzes, dessen Zentrale in Köln beheimatet ist, hat in diesen Tagen detailliert alle sowjetzonalen Sicherungs- und Sperranlagen geschildert, die einen Mitteldeutschen an der Flucht aus dem „Arbeiter- und Bauernparadies“ hindern sollen.

Danach beginnt die Überwachung der „Grenze“ zur Bundesrepublik an der 5-Kilometer-Sperrzone. Warnschilder, ein Drahtzaun und Straßensperren weisen unter Androhung von Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren darauf hin, dass die Sperrzone nur mit einem Sonderausweis betreten worden darf. Volkspolizeistreifen kontrollieren Straßen und Wege, die zur Demarkationslinie führen. Die Grenzbevölkerung ist verpflichtet, alle Unbekannten sofort den nächsten Vopo-Dienststellen oder der Grenztruppe zuzuführen oder zu melden.

An die Sperrzone schließt sich ein 500-Meter-Schutzstreifen an.

Auch dieser Abschnitt wird durch Warnschilder, Drahtzaun und Straßensperren in Richtung Bundesrepublik begrenzt. Er darf nur von Personen betreten werden, über deren Linientreue kein Zweifel besteht. Außerdem muss ein „dringendes Erfordernis“ bestehen (z.B. Arbeiten, auf den Feldern oder an Bauten). Der Aufenthalt in dieser Zone ist stundenweise beschränkt, die Genehmigung läuft eine Stunde vor Sonnenuntergang ab. Selbst Volkspolizeiangehörige dürfen den Schutzstreifen nur aus besonderem Anlass und mit Genehmigung der Grenztruppe betreten.

An den 500-Meter-Schutzstreifen grenzen die Sperranlagen. In die Erde eingelassene Beobachtungsbunker aus Betonfertigteilen wechseln mit zehn bis fünfzehn Meter hohen Beobachtungsständen ab, die oft noch zusätzlich mit starken Scheinwerfern ausgestattet sind. Betonbunker, Erdbeobachtungsstände über und unter der Erde, Schutzhütten und Hochstände sind an Grenzmeldeamt angeschlossen. Vor Einbruch der Dunkelheit werden noch Stolperdrähte und akustische und elektrische Signalanlagen verlegt. Besonders unübersichtliches Gelände wird oft zusätzlich mit Hunden überwacht. Grenznahe Ortschaften sind vielfach durch hölzerne Sichtblenden oder auch durch drei Meter hohe, kaum zu überwindende Betonmauern abgeschirmt.

Für die zunehmend motorisierte Grenzüberwachung mit Beiwagenkrädern und leichten, schnellen Streifenwagen wurden Kolonnenwege angelegt, an denen in Abständen von etwa hundert Metern Telefonanschlüsse angebracht sind. An den Kolonnenweg schließt sich der 1,20 Meter tiefe und bis zu zwei Meter breite, mit Betonplatten befestigte „Kfz-Sperrgraben“ an. Dann folgt ein 6-Meter-Kontrollstreifen, der der Spurensicherung dient. Er wird gepflügt, geeggt und in den Sommermonaten mit Unkrautbekämpfungsmitteln bearbeitet. Sonderstreifen, sehr oft auch Offiziersstreifen, suchen nach Angaben des Bundesgrenzschutzes diesen Kontrollstreifen mehrmals am Tage nach Spuren ab.

In Richtung Bundesrepublik schließt sich dem Kontrollstreifen der Doppel-Sperrzaun an - zwei Zäune in einem Abstand von fünfzehn bis fünfzig Metern. Die Zäune bestehen aus über zwei Meter hohen Betonpfählen mit Stacheldrahtbespannung. Zwischen den beiden Zäunen werden - neuerdings in Dreierreihen - Schützenminen und moderne Plastikminen verlegt, deren Splitterwirkung achtzig Meter weit reicht. Andere Abschnitte des Doppelzauns sind mit Stacheldrahtrollen oder Spanischen Reitern ausgelegt.

Vor wenigen Monaten wurde an verschiedenen Stellen der Zonengrenze damit begonnen, den in der bisherigen Weise angelegten Doppelzaun abzubauen. 80 Kilometer dieses Zauns wurden entfernt und durch neuartige, fast ausschließlich doppelreihige Metallgitterzäune ersetzt.

An den Doppelsperrzaun schließt sieh ein abgeholzter und planierter Geländestreifen bis zu einer Breite von 50 Metern an. Dann folgt ein 10-Meter-Kontrollstreifen, der in den letzten Monaten in verschiedenen Gebieten nicht mehr gepflegt wurde.

Der fast überall nur 80 Zentimeter hohe und stark verfallene sogenannte Warnzaun, der früher - von der Bundesrepublik aus gesehen - den ersten sowjetzonalen Hinweis auf die Demarkationslinie bot, ist in der letzten Zeit durch zahlreiche sowjetzonale Markierungssteine, Holzmarkierungspfähle und Markierungssäulen aus Beton ersetzt worden. Die Markierungssäulen sind Schwarz-Rot-Gold gestrichen und mit dem Zonenemblem gekennzeichnet. Sie stehen von der Demarkationslinie etwa zwei Meter abgesetzt auf sowjetzonalem Gebiet. Die Markierungspfähle und -steine sind 50 placiert worden, dass sie den tatsächlichen Verlauf der Demarkationslinie angeben.

Willem Wolfrath

 


Quelle: 15./16.12.1967 – dpa-Brief/Inland, Willem Wolfrath, in: Pressedokumentation – Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Berlin