Baugeschichte | „Niemand hat die Absicht ..!“

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Zur Baugeschichte der Berliner Mauer

Einleitung

Nachdem am 5. Juni 1961 der Staatsratsvorsitzende der DDR Walter Ulbricht auf einer internationalen Pressekonferenz in Ostberlin auf die Frage der Journalistin Annemarie Doherr (1) von der Frankfurter Rundschau, ob „die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird“ (2), geantwortet hatte:

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!“ (3),

begann das Pankower Zonenregime (4) in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 mit der Abriegelung des Ostsektors und der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) von Berlin.

Kurz nach 1 Uhr Nachts wurde der die Zonen- und Sektorengrenze überschreitende S-Bahnverkehr eingestellt. Am 165 km langen „Ring um Berlin“ fuhren militärische Fahrzeuge auf (5) und unter militärischer Bewachung begannen Grenz- und Volkspolizisten, paramilitärische Kampfgruppen der Arbeiterklasse, Feuerwehr, Beamte des Zoll- und Verkehrswesens sowie Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit die Straßen mit Presslufthämmer (6) aufzureißen und Barrikaden und Stacheldrahtverhaue zu errichten. Unter Missachtung des entmilitarisierten Status von Groß-Berlin sicherte in der Tiefe Ostberlins eine zweite Staffel aus NVA und sowjetischen Truppen die Absperrmaßnahmen.

Zitat: „Mit Ausnahme von 13 Sektorengrenzübergängen, den Interzonenstraße und des Überganges Glienicker Brücke sperren östliche Arbeitskolonnen schlagartig alle nach West-Berlin führenden Straßen mit Betonpfählen, Stacheldraht und sonstigem hierfür verwendbarem Material.“ (7) Über Nacht wurden 95 Verbindungsstraßen blockiert.

Voller Empörung versammeln sich Menschen nahe der Sektorengrenze, um gegen die sowjetzonalen Sperrmaßnahmen Stellung zu nehmen.

Am 13.8. berichtet der Stab der VPI-Pankow – Abteilung Information:

Betr.: Informationsbericht Termin 12.15 Uhr
Bezug: Gegebener Rundspruch

A1: KP Kopenhagener Straße ohne besondere Vorkommnisse
      keine besondere Ansammlung von Personen

      KP Wollankstraße: Ansammlung von Personen bis ca. 300,
      die stark in Richtung der Westsektoren drücken.

Zur Verstärkung der eingesetzten Genossen ein Zug der VPI-Pankow, ein Zug Kampfgruppen und ein Zug Bereitschaftspolizei eingesetzt. Es wird geschätzt, dass zur Zeit die Lage mit eigenen Kräften bereinigt werden kann. (8)

Im Westen wurden die Absperrmaßnahmen weder von der Bevölkerung, noch von der Schutzpolizei oder den staatlichen Organen gewollt. Deshalb warfen Vopo (9) erstmalig in den Abendstunden des 13. August Tränengaswurfkörper (10) über die Sektorengrenze, um Demonstranten am Bethaniendamm im Bezirk Kreuzberg von ihrem Schutzwall zu vertreiben. Am Brandenburger Tor kam es zum Einsatz zahlreicher Wasserwerfer, um die dort protestierenden Menschen fortzutreiben. Die ersten Warnschüssen fallen bereits am 14.08. am Brandenburger Tor und in der Neuköllner Wildenbruchstraße.

Aber auch nach dem 13. August flohen - trotz Stacheldraht (11) und Warnschüssen - täglich weitere Deutsche aus der sowjetischen Besatzungszone in das freie Berlin. Um die Fluchtbewegung weiter einzudämmen, veranlasste die SED den verstärkten Ausbau (12) der Sektoren- und Zonengrenze zu den West-Berliner Sektoren. Die anfänglich stark improvisierten Sperranlagen aus Stacheldraht (13) und Spanischen Reitern wurden verstärkt, weiterentwickelt und perfektioniert und schließlich pionier- und signaltechnisch (14) ausgebaut.

Bezogen auf das erste stationäre Sperrelement aus westlicher Sicht, aber auch bei der Betrachtung der pionier- und signaltechnischen Entwicklung des Grenzregimes kann der „Mauerbau“ in drei Generationen oder Phasen beschrieben werden.

Kurze Vorgeschichte zum Mauerbau

Nach der provisorischen Absperrung der Zonen- und Sektorengrenze beginnt der eigentliche Bau der „Berliner Mauer“ am 17.08.1961. In der Harzer Straße (Treptow), später auch in allen anderen Stadtteilen, wurden die nach Berlin (West) führenden Ausgänge der unmittelbar an der Sektorengrenze im Sowjetsektor gelegenen Häuser vernagelt bzw. zugemauert. Am Potsdamer wurde das erste Teilstücks (15) einer „Mauer“ errichtet, auf die in Richtung sowjetzonalem Territorium weitere stationäre Sperren folgen.

In den darauf folgenden Tagen und Wochen wurden unter Einsatz von starken Arbeitskolonnen entlang der Zonen- und Sektorgrenze die sowjetzonalen Grenzsperranlagen ausgebaut.

Am 14.11.1961 meldet der Westberliner Polizeibericht:

„An Sektor- und Zonengrenze keine besonderen Vorkommnisse

Länge der Mauer:                                                       22 km
Länge des Stacheldrahtes (einfach) im Sowjetsektor:    33 km
                                                  in der Sowjetzone:    97 km.

Der Ausbau der Grenzsperren durch Vopo dauert an“. (16)

Hinter der ersten Mauer entstand in besonders fluchtgefährdeten Bereichen eine zweite massive Betonmauer. Zwei-, drei- und teilweise vierfache Stacheldrahtsperren wurden errichtet, Drähte zur Auslösung von Alarm- bzw. Schreckschüssen gelegt, Gräben gezogen, Beobachtungstürme aufgestellt, Sperrgitter in die Kanalisationsanlagen eingebaut und Scheinwerfer zur Ausstrahlung der Grenze montiert.
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ev. einfügen: Dokument: Hinweis auf Zwangsräumung
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Zur Verhinderung weiterer Fluchten wurden seit dem 20.09.1961 unter dem „Schutz“ der Vopo die unmittelbar an der Sektorengrenze gelegenen Häuser von den bisherigen Anwohnern geräumt (Harzer-, Bernauer-, Sebastian-, Waldemarstraße und an vielen anderen Stellen). Zur Verbesserung der Kontrollmöglichkeiten der Grenze begannen am 28.09.1961 Massenaufgebote an Vopo und Zivilarbeitern – teilweise bis zu 1000 Personen – in etwa 100 m Tiefe den Grenzstreifen als „tote Zone“ (17) auszubauen.

Zugleich mit dem Aufbau der Sperren montierten östliche Arbeitsgruppen entlang der Sektorengrenze Lautsprecher. Bis zum 13.11.1961 zählten West-Berliner Schutzpolizisten 183 Lautsprecher, die einzeln, teilweise aber auch gruppenweise geschaltet, kommunistische Propaganda nach West-Berlin ausstrahlten.

Da die Grenzanlagen der militärischem Geheimhaltung unterlagen, gelangte die Ansicht des „Antifaschistischen Friedensschutzwalls“ aus östlicher Sicht nie in das Blickfeld der Medien und damit der öffentlichen Betrachtung.

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass das wichtigste Sperrelement während der gesamten Lebensdauer der SED-Diktatur der „Schießbefehl “(18) war. Nur die hemmungslose Anwendung der Schusswaffe gegenüber unbewaffneten Kindern, Frauen und Männern ermöglichte und garantierte die zeitweise Aufrechterhaltung des DDR-KZ's. (19)

Während Stalins Sowjetdeutsche den 13. August als den Tag feierten, an dem der Frieden für immer gesichert wurde (20), betrachtete der freie Westen die Mauer als Schandmal einer kommunistischen Willkürherrschaft. (21)

Berliner Mauer der 1. Generation

Das augenscheinlichste Bauwerk der Sperranlagen aus westlicher Sicht war die Mauer. Der Aufbau der „Schandmauer“ (22) der ‚ersten Generation' bestand aus großen quadratischen Blockelementen, die speziell für eine Verwendung im Wohnungsbau entwickelt und produziert worden waren. Darauf folgten zwei aufgemauerte Lagen aus kleineren Hohlblocksteinen und zwei Lagen massive Betonbalken. Den Abschluss bildeten mit Stacheldraht bespannte Y-Abweiser als Übersteigschutz. Zur Erhöhung der Stabilität wurden im rechten Winkel nach Ostberlin vortretende Blöcke als Strebepfeiler eingefügt. (23)

Aus verschiedenen Gründen wurde dieses Grundkonzept immer weiter variiert bzw. modifiziert. Die Sperrmauer der ‚ersten Generation' war lediglich „brusthoch“, damit bestand die Möglichkeit des Blickkontaktes zwischen Ost und West und erlaubte auch die Observierung grenznaher Bereiche östlich der Sektorengrenze. Um jeglichen Kontakt zwischen auseinandergerissenen Freunden und Familien zu verhindern und um die Überwachungsmaßnahmen der sowjetzonalen Grenzpolizei den westlichen Blicken zu entziehen, errichteten die bewaffneten Organe der DDR vielerorts über drei Meter hohe Sichtblenden.

.... wurde die Mauer in besonders sensiblen Bereichen durch zusätzliche aufgemauerte Lagen aus Hohlblocksteinen erhöht. (24) Andernorts, vermutlich aufgrund von Baumittelknappheit, bestand die Mauer nur aus den kleinen Hohlblocksteinen. (25) An anderen Stellen wiederum, z. b. in Bereichen, die den Blick von erhöhten Positionen nach Osten erlaubten, wuchs die Mauer in abstrusen Bauformen in die Höhe. Die Y-Abweiser wurden entfernt bzw. abgeknickt und weitere Lagen aufgemauert. (26)

Diese uneinheitliche Bauweise war nicht nur optisch äußerst unattraktiv, sondern auch anfällig gegen (Sprengstoff-) Anschläge  und konnte zudem von Flüchtlingen relativ leicht überstiegen werden. Auch gelang es einigen Flüchtlingen, diese Mauer mit schweren Fahrzeugen zu durchbrechen. (28) Auf die Mauer folgten – von Westen aus betrachtet - weitere ‚stationäre' Sperranlagen, bestehend aus zweifachen bzw. dreifachen Zaunreihen, Flächen- und Höckersperren und weiteren Grenzzäunen zur Abgrenzung des „Todesstreifens“ nach Ostberlin.

Nachdem einem Gleisbauarbeiter am 13. Februar 1963 die Flucht durch einen U-Bahntunnel nach West-Berlin gelungen war, veranlasste der „ulbrichtsche SED-Staat“ die Errichtung einer
unterirdischen Mauer. Die BZ (29) titelte: „sie mauern und mauern und mauern“. Die Zeit überschrieb ihre Fotoessay mit „Dokumente der kommunistischen Hysterie“. Beide Artikel zeigen die bewachten Bauarbeiten im U-Bahntunnel zwischen U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße und Moritzplatz.

Am 12. August 1963 berichtet die Westberliner Berliner Schutzpolizei über die Lage an der „Grenze“ wie folgt (30):

15 km „Mauer“ (ohne Grundstücksmauern und Fassaden), 130 km Drahtsperren: (einfache Länge), 229 Bunker und Schützenstellungen, 131 Beobachtungstürme, 57 Sichtblenden und 91 stationäre Lautsprecher.
Der Andrang fluchtwilliger Bürger aus der DDR veranlasste die „bewaffneten Organe der DDR“ zur Anwendung der Schußwaffe in 618 Fällen. Insgesamt erfolgten 1519 Festnahmen an der Sektoren- und Zonengrenze zu Berlin. Trotz der Maßnahmen des „Pankower Zonenregimes“ meldeten sich 2948 Personen bei den Polizeidienststellen als Flüchtlinge, davon waren 369 Personen Angehörige der „Bewaffneten Organe der DDR“. 30 Personen wurden erschossen!

Zur Erhöhung der Wirksamkeit der Sperrmauer der ‚ersten Generation' verstärkte das Ulbricht-Regime (31) die Sperranlagen in verschiedenen innerstädtischen Abschnitten durch eine zweite Mauer – fälschlicherweise als Mauer der ‚zweiten Generation' bezeichnet - aus massiven Betonelementen, z.B. in der Bernauerstraße (32) - zurückgesetzt direkt hinter der ersten Mauer oder hinter Fassaden bis auf das Erdgeschoss abgerissener Wohnhäuser (33), aber auch zur Verstärkung der Sperrmauer in der Lindenstraße (34), Zimmerstraße und ..... und ...

Berliner Mauer der 2. Generation

Ab ca. 1965 begann der pioniertechnische Um- und Ausbau des Grenzregimes mit der Errichtung einer neuen verbesserten, ca. 3 Meter hohen Grenzmauer, bestehend aus in den Boden eingelassenen und einbetonierten Stahlbetonpfeilern mit U-Eisenprofilen, die in einem Abstand von ca. einem Meter errichtet wurden. Zwischen den Pfeilern wurden 9, ca. 10 cm starke Betonplatten - ohne Zementierung - eingeschoben. Als Abschluss flanschten Pioniere auf die obersten Segmente Betonabwasserrohre auf. Zusätzlich gruben die Arbeiter Metallplatten in das Erdreich ein, um ein Unterkriechen oder Untergraben zu verhindern. (35)

Bis 1965 blieb die Länge der „Mauer“ (bestehend aus einer gemauerten Mauer und gesicherten Grundstücksmauern und Häuserfronten) mit ca. 24 km Ausbaulänge nahezu gleich. Erst der statistische Bericht der Berliner Schutzpolizei vom 8.8.1968 lässt die Ausbauphase der ‚zweiten Generation' der Mauer erkennen.

163,8 km Gesamtlänge der Demarkationslinie, einschließlich der Exklaven, 51, 4 km Mauer, bestehend aus Betonplattenwänden, zum Teil mit aufgelegtem Rohr, Grundstücksmauern und Häuserfronten, 43,2 km Zäune aus gestanzten Blechfertigteilen, 89,8 km Stacheldrahtsperren (1-5fach), 95,1 km Kontaktzäune (36), 87,3 km Grabensperren, 84,3 km befestigte Fahrwege, 75,3 km „Moderne Grenze“ (nahezu fertiggestellt), 228 Beobachtungstürme und -stände, 106 Bunker und Schützenstellungen, 179 Hundesperren und 16 Sichtblenden.

In 1223 Fällen machten die „Bewaffneten Organe der DDR“ von ihren Schusswaffen Gebrauch und nahmen 2507 Personen an der Grenze fest. Insgesamt wurden 73 Personen durch den Schusswaffengebrauch der NVA an der Demarkationslinie verletzt, 63 Menschen kamen an der Grenze ums Leben, 47 davon wurden erschossen. Seit dem 13. August gelang 3736 DDR-Bürgern die Flucht in den Westen, davon waren 503 Personen Angehörige der „Bewaffneten Organe“ der DDR.

Die Mauer der ‚zweiten Generation' stellte aus der Sicht der Grenztruppen der DDR eine erhebliche Verbesserung dar. Die vorfabrizierten Bauteile konnten wesentlich leichter und schneller aufgestellt werden und ergaben ein einheitliches Erscheinungsbild. Aufgrund des Verzichts der Y-Abweiser und der Reduzierung des Stacheldrahtes auf der Mauer und an Zäunen erhielten die Grenzsperranlagen ein entschärftes Aussehen. Die vormals brutal archaisch erscheinenden Grenzsperren wirkten einheitlicher, ordentlicher und weniger gefährlich. Aufgrund des Baukastenprinzips konnten Erhaltungs- und Reparaturarbeiten von den Pionieren der Grenztruppen einfacher und schneller ausgeführt werden.

Aber auch diese Mauer erwies sich als zu schwach, um Flüchtlingen den Weg in den Westen zu versperren. Bauliche Mängel führten schnell zur Destruktion des Bauwerkes. Von West-Berlin aus durchgeführte Sprengstoffanschläge (37) zeigten ebenfalls die Schwachpunkte der verbesserten Mauer auf. Ganz besonders schmerzte den sowjetzonalen Machthabern jedoch die Flucht aus dem kommunistischen Machtbereich aus den eigenen Reihen. Aufgrund ihrer guten Kenntnisse der Grenzsperranlagen war der Anteil an erfolgreichen Fluchten durch Angehörigen der „Bewaffneten Organe der DDR“ besonders hoch!

Berliner Mauer der 3. Generation

Erst die Grenzmauer der ‚dritten Generation', auch als „Grenzmauer 75“ bezeichnet, stellte eine zufriedenstellende Lösung für die Grenztruppen der DDR dar. Hervorgegangen aus einem umfangreichen Entwicklungs- und Erprobungsprogramm übernahm diese Mauer verschiedene Funktionen von zuvor einzeln errichteter stationärer Sperren. Die vorfabrizierten 3,8 Meter hohen L-förmigen Stützwandelemente vom Typ UL12.41 (38) konnten mühelos aneinandergereiht und ohne Fundament aufgestellt werden. Der ins freundwärtige Territorium weisende Betonfuß ersetzte den Kfz.- und Panzersperrgraben (39) sowie die Vorrichtungen gegen das Untergraben. Die aufgesetzten Asbestbetonröhren erhöhten die Stabilität und ersetzten funktional die stacheldrahtbespannten Y-Abweiser als Übersteigschutz. Der massive Stahlbeton bot zudem Anschlägen auf die Mauer wenig Angriffsfläche.

Das neue Aussehen, grau, glatt und sauber sollte der DDR helfen, das Erscheinungsbild der Grenze und damit das Image der DDR zu verbessern. (40) Seit Bestehen der Mauer kam es zu vielen brutalen Zwischenfällen, in denen Angehörige der „Bewaffneten Organe der DDR“ hemmungslos von der Schusswaffe Gebrauch machten und dabei unbewaffnete zivile Bürger der DDR vernichteten. (41) Mit jedem Mord an der Grenze diskreditierte sich der „Friedensstaat DDR“ in der westlichen Weltöffentlichkeit aufs neue. Das Bestreben ging dahin, das Erscheinungsbild der Grenze zu verharmlosen und die Grenzsicherung ins freundwärtige Territorium der DDR und damit in den Aufgabenbereich des Ministeriums für Staatssicherheit zu verlegen.

Mit der „Entbrutalisierung“ der „modernen Grenze“ hatte die DDR jedoch ungewollt ein neues Dorado geschaffen. Die alten Sperrmauern der 'ersten' und 'zweiten Generation' zeigten nur selten Inschriften. Die neue glatte Fläche hingegen motivierte tausende Graffiteure mit kleinen Tags aktiv werden und führte schließlich dazu, dass beginnend mit Borowski, Noir, Bouchet, Citny, Hacke und Indiano die vom Westen aus zugängliche Mauer mit großflächigen Bildern (42) illustriert wurde. Die ersten Kunstwerke entstanden ca. 1984 und führten in den folgenden Jahren zu einem wahren Bilderrausch. Zu den Künstlern gehörten Francesco Bartoletti (43), Richard Hambleton (44) und Kieth Haring (45), die ihrerseits zusammen mit anderen die Mauer zu einem internationalen Kunstwerk empor hoben. Auch Performancekünstler entdeckten die Mauer für ihre Aktionen. Der in der Zimmerstraße direkt an der Mauer lebende Peter Unsicker gründete seine Wall-Street-Galery (46) und  verspiegelte die Mauer mit Hunderten von Splittern, befestigte Gegenstände und setzte das Geschaffene in Brand. Kain Karawahn wiederum entzündete Fanale aus Feuer an der Mauer und setzte damit flüchtige Denkmale gegen die Unmenschlichkeit. Der aus Kanada stammende Lebenskünstler John Runnings spazierte „mediengerecht“ auf der Mauerkrone und schlug mit einem Vorschlaghammer vor den Augen der Welt Betonbrocken aus dem „Antifaschistischen Schutzwall“ heraus. Nicht zuletzt stand er 3,8 Meter hoch auf dem „Eisernen Vorhang“ (47) und urinierte auf ihn hernieder.

Durch den Ansturm der Künstler mit ihrer ungefilterten Kritik, die weder auf diplomatische Gepflogenheiten noch auf interalliierte Absprachen Rücksicht nahm, hatte das „schlafende Krokodil“ - wie Thierry Noir die Mauer bezeichnete - in Berlin ein farbenfrohes Kleid erhalten, und es begann absehbar zu werden, wann die SED-Diktatur trotz tödlicher Sperranlagen mit Minen, Selbstschussanlagen und Schießbefehl aus der Zivilisation verschwinden wird.
2005

 


Fußnoten:

1.) Original des damals erschienenen Artikels
2.) Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer freien Stadt - Ihrer Meinung nach – dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?
3.) O-Ton der Pressekonferenz und Foto von Walter Ulbricht
4.) Pankow: nördlicher Vorort und Verwaltungsbezirk im Sowjetsektor. Früher Sitz einiger Behörden und der Regierung und Verwaltung (Staatsrat). Mit Pankow bezeichnete man verallgemeinernd auch die Regierung der „DDR“.
5.) Fotos vom 13. August 1961: Ha.-Jo. Helwig-Wilson, Rolf Goetze und Arved Raabe
6.) Radio-Reportage Erich Nieswandt
7.) Bericht über Ereignisse und Einsatz der Schutz- und Bereitschaftspolizei vom 13. 8. - 13.11.1961, S 1-1221/61, Berlin, den 13. November 1961, Seite 2.
8.) Stab der VPI-Pankow, Abteilung Information, Berlin, den 13.8.1961.
9.) Volkspolizist
10.) Bericht über Ereignisse und Einsatz der Schutz- und Bereitschaftspolizei vom 13.08. - 13.11.1961
11.) Satire: Zäune hinter Zäune
12.) Grafik der Sektorengrenze am Bahnhof Schönholz, Berliner Morgenpost, 1992
13.) Tarantel (abnormale Situation in West-Berlin, gesehen aus dem verbarrikadierten Ostberlin)
14.) Schematische Darstellung des Ausbau s der Berliner Zonen- und Sektorengrenze (1966, 1970, 1975)
15.) Bericht über Ereignisse und Einsatz der Schutz- und Bereitschaftspolizei vom 13.08. - 13.11.1961

16.) Bericht über Ereignisse und Einsatz der Schutz- und Bereitschaftspolizei vom 13.08. - 13.11.1961
17.) Teltowkanal, zwischen Rosenthal und Schönholz, Staaken p. p.
18.) Schusswaffengebrauchsbestimmung ....
19.) Fotos und Grafiken mit dem Slogan „DDR = KZ“ (aus Tarantel und .... anderen Quellen)
20.) Suche Pressezitat: Friedensschutzwall ......
21.) Suche Pressezitat: Schandmal ......
22.) Suche Pressezitat: Schandmauer, bzw. Foto mit Schild: „Schandmauer“
23.) Mauer der ‚1 Generation', Grundkonzept: Foto: Ha.-Jo. Helwig-Wilson, am ...
24.) Mauer der ‚1 Generation' im Bereich Bernauer-/ Eberswalder Straße
25.) Mauer der ‚1 Generation' im Bereich .....
26.) Mauer der ‚1 Generation' im Bereich Klemkestraße, Ostberlin, Pankow. Siehe Hilkenbach 1975-04-19-001-75-30, 1975-04-19-001-75-31
27.) Polizist aus West-Berlin sprengt Mauer .........
28.) Beispiele für Mauerdurchbruch mit schweren Fahrzeugen?
29.) Sie mauern und mauern und mauern ..., BZ, 22.02.1963
30.) Ereignisbericht der Berliner Schutzpolizei vom 12.08.1962, Polizeihistorische Sammlung Berlin
31.) Suche Karikatur zum „Ulbricht-Regime“ ?????????
32.) Verstärkungsmauer der Mauer der 'ersten Generation in der Bernauer Straße
33.) Verstärkungsmauer der Mauer der 'ersten Generation in der Bernauer Straße
34.) Verstärkungsmauer der Mauer der 'ersten Generation in der Lindenstraße
35.) Grafik Untergrabschutz
36.) Signalzaun
37.) Fotos von Anschlägen auf die Mauer (BStU)
38.) Grafik der Stützwandelemente
39.) Grafik mit Fahrzeugen, die gegen die Mauer fahren!!
40.) Foto des neuen Grenzregimes, BStU, zwischen dem Potsdamer Platz und dem Brandenburger Tor
41.) Vergatterungsformel einfügen .......................!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
42.) Wandbilder von Noir, Bouchet, Citny und Hacke
43.) Francesco Bartoletti
44.) Richard Hambleton „Shadow Mission“
45.) Kieth Haring am Checkpoint Charlie
46.) Zimmerstraße mit über die Straße gespannten Banner „WallStreet-Galery“, Foto: Sigurd Hilkenbach