Bericht über Ereignisse und Einsatz der Schutz- und Bereitschaftspolizei vom 13.8. - 13.11.1961

6. Für die Polizeibeamten ergaben sich aus der Existenz der „Mauer“ und ihre Auswirkung auf nahezu alle Lebensbereiche starke physische und seelische Belastungen.

Um nicht den Anschein zu erwecken, dass die lautstark vom kommunistischen Regime geforderte 100 m-Grenze, innerhalb der sich auf West-Berliner Seite nach östlicher Vorstellung niemand aufhalten sollte, respektiert wird, waren die Polizeibeamten angewiesen, die Bevölkerung so nahe wie möglich an die Grenze heranzulassen und etwa noch vorhandene Kontakte mit den Menschen jenseits der Grenze nicht zu unterbinden.

Oft genug gerieten hierbei die menschlichen Gefühle der Beamten mit der politischen Notwendigkeit und dem polizeilichen Sicherheitsbedürfnis in Konflikt, wenn sich Gefahrensituationen durch das herausfordernd zynische Verhalten der Vopo und Funktionäre, die Rücksichtslosigkeit, mit der sie Tränengas-, Rauchkörper und Steine in die Menge warfen, und durch die Anwendung ihrer Schusswaffen entwickelten.

Um schwerwiegende Zwischenfälle zu verhüten, mussten die Beamten vielfach in derartigen Situationen gegen die eigenen Bürger vorgehen, die sich zum großen Teil in echter und verständlicher Empörung gegen die kommunistische Willkür gewandt hatten. Da es sich hierbei um unpopuläre, gewissermaßen mit „verkehrter Front“ durchgeführte Maßnahmen handelte, fanden sie bei dem betroffenen Teil der Bevölkerung nur wenig Verständnis. Das um so weniger, wenn sich unter ihnen Personen befanden, die aus reiner Neugierde, Sensations- und Abenteuerlust herbeigeströmt waren und sich nun in ihren Erwartungen getäuscht sahen.

Alle derartigen Einsätze gegen die eigene Bevölkerung verlangten von den Polizeibeamten ein Höchstmaß von Fingerspitzengefühl und nüchterner Sachlichkeit. Auch durch Beschimpfungen, wie „Schlimmer als die Vopo!“ oder „Feiglinge“ u.a., durften sich die Beamten nicht zu impulsiven Handlungen hinreißen lassen. Das war besonders belastend, wenn Vopo bei Fluchtversuchen rücksichtslos von ihren Waffen Gebrauch machten und oftmals Flüchtlinge kurz vor Erreichen der rettenden West-Berliner Grenze auf eigenem „Hoheitsgebiet“ abschossen oder festnahmen.

In Kenntnis dieser schwierigen Lage wurde vom Kommando der Schutzpolizei wiederholt und mit besonderem Nachdruck als ständiges Leitmotiv für das Verhalten der Polizei an der Grenze das Stichwort „Besonnenheit“ ausgegeben und nur so die vielfach hektisch erregte Menschenmenge unter Kontrolle gehalten, ihren leidenschaftlichen Aufforderungen zum „Zurückschießen“ widerstanden und somit Schlimmstes verhütet.

Dass das Gesamtverhalten der Polizei in dieser schweren Zeit trotz gelegentlicher örtlicher Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten die Anerkennung des besonnenen Teils der Bevölkerung und der Presse fand, mag nachstehender Zeitungsausschnitt aufzeigen:

„Berliner Morgenpost“ vom 10.10.1961

Das Lied vom braven Mann

pp.

Wir haben Dank zu sagen unseren Polizisten. Sie haben zwar eine Pistole - keine Maschinenpistole und Gewehre wie die KZ-Wächter jenseits der Mauer - aber sie dürfen die Pistole nicht benutzen, wenn zwei Meter von ihnen entfernt, auf Ostberliner Gebiet, unmittelbar vor ihren Augen, deutsche Brüder und Schwestern, die in die Freiheit fliehen wollen, zusammengeschossen werden.

Was muss in Polizeileuten Vorgehen, wenn ein Flüchtling sich Meter für Meter durch die Spree an das rettende Ufer herankämpft und dann, wenige Schwimmzüge fehlen nur noch, aus kürzester Entfernung von „Volkspolizisten“ abgeschossen wird wie auf dem Schießstand? Was muss  dieser Westberliner Polizist fühlen, wenn er die erregten Schmährufe seiner Mitbürger hört, die von ihm Taten verlangen, die er nicht begehen darf?

Wir zollen diesen Polizisten Achtung, wenn sie gegen das Aufbäumen des eigenen Herzens, gegen den so verständlichen Schrei nach Vergeltung sich der Disziplin des Gesetzes unterordnen. Wir sollten daran denken, wenn Polizisten entlang der Sektorengrenze uns zum Weitergehen auffordern und Menschenansammlungen zerstreuen. Wir sollten daran denken, dass unsere Polizisten immer zu jeder Stunde an einer Willkürgrenze stehen, an der in diesen gefährlichen Wochen ausreichend gerüstete Kommandos der Westalliierten stehen sollten, die, so oft das Herr Ulbricht auch bestreitet, für Frieden und Sicherheit West-Berlins nach wie vor verantwortlich sind.

Unsere Polizisten versehen im Drama dieser Tage ein ebenso gefährliches wie undankbares Amt. Danken wir den braven Männern durch unsere Einsicht!