Eckart Kroneberg, Zeit - Nr. 28, Feuilleton, Seite 9 - 10, 15.09.1961

Beschreibung einer Mauer - Zwischen Rudow und Lübars, Schritt für Schritt, Straße für Straße

Sie beginnt in Rudow. Dort versperrt sie die Waltersdorfer Chaussee. Rudow liegt im Südosten der Stadt, du kommst aus Neukölln, überquerst den Teltow-Kanal, in die bis dahin geschlossenen Häuserfronten schieben sich Gärten, später auch Felder, in Rudow gibt es richtige Bauernhöfe. Deine Straße endet vor der Mauer. Die ist niedrig hier, du kannst hinüberblicken. Links und rechts liegen Kleingärten. Am Straßenrand, links und rechts, hört die Mauer schon wieder auf. Dort wird sie, links und rechts, fortgesetzt von einer Doppelreihe aus Betonpfeilern. Sie sind zwei Meter hoch, und sie sind mit Stacheldraht verspannt, nicht nur Pfeiler mit Pfeiler, sondern auch Reihe mit Reihe. Links führt ein Feldweg daran entlang. Auf beiden Seiten liegen Kleingärten. Die linker Hand sind gepflegt, geschmückt, bunte Häuschen darinnen, manche Besitzer verbringen hier den Sommer. Auch fehlt es nicht an Gartenzwergen und anderem Zierart, womit man in Deutschland seinen Garten auszuschmücken pflegt. Die Gärten auf der anderen Seite scheinen verlassen. Ein breiter Streifen, den Stacheldraht entlang, ist frisch gerodet. Rot sind die Stümpfe von Kirschbäumen, weiß und gelb die von Apfel und Birne. Es geht rasch,  bebautes Land in Ödnis zu verwandeln.

Übergang Waltersdorfer Chaussee

STASI-Foto der Waltersdorfer Chaussee, BStU - Signatur: MfS-HA-I-3506-026

 

Nach zweihundert Schritten biegt der Stacheldraht nach Norden ab, die Gärten bleiben zurück, kilometerweit ziehen die Betonpfeiler über Felder. Zwei Grenzpolizisten beobachten den Fußgänger durch Feldstecher. Ein Hubschrauber kreist in geringer Höhe, und die Uniformierten kriechen unter ein Gebüsch. Wie groß ist der Himmel über dieser Stadt. Auf den Feldern drüben viel Mais und Sonnenblumen, „Wurst und Stirl“ hat das Chruschtschow genannt. Inmitten von Feldern und Gärten, im Westen, dicht an der Grenze Die Eternit-Werke.