Eckart Kroneberg, Zeit - Nr. 28, Feuilleton, Seite 9 - 10, 15.09.1961

Stallschreiber- und Kommandantenstraße

 

Stallschreiber- und Kommandanten, Stacheldraht, Betonpfeiler, Mauer. Dahinter die Ruine einer Kirche, durch die leeren Fensterhöhlen das Licht von Straßenlaternen. Das Gelände wird noch unübersichtlicher. Winkel und Ecken, Ruinenfelder, Grünanlagen. Links ein moderner Wohnblock. Durch die Glasscheiben des Hochhauses siehst du die leuchtend roten Treppen. In der Kommandantenstraße mußt du die Mauer verlassen. Vorüber an einem neuen Würfelbau, Fabrik, rote Leuchtschrift an der Breitseite MURATTI (...)

Markgrafenstraße, Enkestraße, Friedrichstraße: Der amerikanische Panzer steht nicht mehr da. Einige Jeeps. Funkanlagen, Mannschaftswagen der Schupo. Das erste Gebäude auf der anderen Seite zeigt in Leuchtschrift: UNION-VERLAG und NEUE ZEIT. Verlag und Zentralorgan der mitteldeutschen CDU. Grenzpolizei auf der Kreuzung Friedrich-/ Zimmerstraße. Straßensperren, der Slalomweg. (...)

 

Foto: Panzerkonfrontation in der Friedrichstraße, © BStU, MfS HA , Aufnahmedatum ...

 

Am nächsten Morgen regnet es, der Sommer ist zu Ende. Du steigst aus am U-Bahnhof Gleisdreieck und gehst durch die Schöneberger Straße am Gebäude der Reichsbahndirektion entlang, ein riesiger Bau, leidlich wiederhergestellt. An der Fassade des zweiten Stockwerks acht Steinplastiken, überlebensgroße Figuren: ein Schaffner mit Kelle, ein Streckenarbeiter. Vier Figuren fehlt der Kopf. Und am Halleschen Ufer entlang: das da ist wieder der Landwehrkanal, ein Regenschauer rauht den Wasserspiegel auf. Rechts eine Ziegelmühle, ungeheure Halden aus Trümmerziegeln und Ziegelmehl, schmutzigrot im Regen. Dann der nördliche Teil des Anhalter Bahnhofs, der Bahnkörper erhöht, vielleicht sechs Meter über der Straße, im Norden eine Art Appendix der großflächigen Anlage. Bahnkörper heißt das, ja, und dieser Körper ist tot und in Verwesung. Hier fahren seit 16 Jahren keine Züge mehr. Die Linkstraße endlich stößt auf den Potsdamer Platz. Der ist ein einziges Gewirr von Stacheldraht und Betonmauern, hier scheint jeder Meter extra eingezäunt zu sein, der ganze Platz ist kreuz und quer versperrt durch die Doppelreihen von Betonpfeilern und Stacheldraht, dahinter die Mauer, immer wieder neu ansetzend, zwei-, drei-, vierfach. Die kleinen Läden auf der Westseite sind mit einer Ausnahme geschlossen. Das ist ein Kurzwarengeschäft, das letzte vor der Mauer. Unter der gestreiften

Markise schaukelt ein Bündel Petticots im Wind, hellblau, rosa, gelb. Aber kein Käufer zeigt sich. Hinter der leeren Coca-Cola-Bude steht ein amerikanischer Panzerspähwagen, der Motor läuft. Drüben, auf der anderen Seite, in einiger Entfernung ein Lautsprecherwagen, Zivilisten in Ledermänteln, Grenzpolizei, Volkspolizei, Volksarmisten mit Stahlhelm.

 

(...)