Eckart Kroneberg, Zeit - Nr. 28, Feuilleton, Seite 9 - 10, 15.09.1961

Köpenicker Straße

Köpenicker Straße, Ruinen, Ruinen. Etwas weiter: BEHALAVIKTORIASPEICHER, ein Steinkasten. Eine Kranbrücke gegen den dunkelnden Himmel. Kokshalden. Dahinter fließt die Spree, aber vorher kommt die Mauer. Sehr weit an einem langgestrecktem Bau die Leuchtschrift: Berlin-Ostbahnhof. Jetzt sind alle Straßenlampen eingeschaltet, der Himmel wird schwarz. Die Köpenicker Straße stößt gegen die Mauer. Also links einbiegen in den Bethaniendamm. Immer an der Wand lang. Die westliche Häuserflucht ist die Grenze, aber die Mauer verläuft erst am Rande des Gehsteigs. „Nur auf eigene Gefahr können Sie da durch!″ warnt der Schupo. Zwei Taubstumme wollen den schmalen Gang zwischen Häuserfront und Mauer betreten, der Schupo gestikuliert, die wollen ins Bethanienkrankenhaus, der Polizist schreibt es ihnen auf einen Zettel: „Zurück! Nicht hier durch!″ Die beiden kehren um. Wir kommen etwas ins Gespräch, der Schupo und ich. Es gibt nur ein Thema. Er sagt abschließend: „Wissen Sie, ich komme mir vor wie im Zirkus; da sitzt man auf dem Rang, und unten, in der Arena, da zerfleischen sie sich.″ Er starrt auf die Mauer, auf die Vopos, die uns über die Mauer hinweg, aus 20 Meter Entfernung mit Feldstechern beobachten. Dann sagt er leise: „Das Schlimmste aber ist, daß wir in Wirklichkeit gar keine Zuschauer sind, sondern selber in der Arena sind. Das ist das Schlimme.″ (...)

 

Foto: Köpenicker Straße, © Helwig-Wilson, Aufnahmedatum ...