Eckart Kroneberg, Zeit - Nr. 28, Feuilleton, Seite 9 - 10, 15.09.1961

Chausseestraße

 

Jetzt verläßt dich die Mauer nicht mehr. Ein Stück Chausseestraße, die Mauer folgt auf der rechten Seite, am Gehsteigrand. Die Chausseestraße ist auch ein Übergang für Westberliner, sie führt zum Walter-Ulbricht-Stadion, gleich dahinter liegt der Friedhof der Dorotheenkirche. Da liegen Hegel und Fichte. Und Brecht. Vor vier Wochen bin ich noch dort gewesen. Jetzt aber stehen an der Kreuzung Chaussee-/ Liesenstraße Ost- und Westpolizei einander gegenüber. Grenzpolizei und Vopos und Zöllner drüben; alle, bis auf die Zöllner, schwer bewaffnet. Auf der Westseite ein Zivilist mit Stopkelle, ein Schupo (...).

MfS-HA-VI-1308-013

Foto: Übergang Chausseestraße, Quelle: BStU, Signatur: MfS-HA-VI-1308-013

 

An eine Hauswand gepreßt steht eine Frau und schaut nach oben. Aus dem zweiten Stock beugt sich ein Ehepaar. So dicht an der Hauswand gepreßt, kann die Vopo nicht sehen, daß man miteinander spricht. Und wenn doch, so kann sie’s nicht verstehen, die Frau und das Ehepaar, sie flüstern nur miteinander. Das Haus Nummer 48 ist ein häßlicher grauer Ziegelbau ohne Verputz, fünfstöckig. Im zweiten Stock hat sich einer den Eisenbalkon zur bunten Gartenlaube ausgebaut. Schräg darüber das Fenster, aus dem vor drei Wochen die ältere Frau gesprungen ist. Unten, auf dem Gehsteig liegen Kränze und frische Blumen. Menschen mit Tränen auf ihren Gesichtern, Einwohner dieser Straße. (...)

 

Bald geht die Mauer wieder in schlichten Stacheldraht über. Doppelreihen von Betonpfeilern. Die Gegend wird ländlicher, Kleingärten, die ersten Felder. Hinter dem Dorf Lübars stoßen Stadt- und Sektorengrenze zusammen. Das ist ein hügeliges Gelände, Felder, nach Norden zu senkt sich das Tegeler Fließ, ein Landschaftsschutzgebiet, sumpfig, verschilft, öde. Auf einem Hügel der erste Wachturm. Ein Feldweg schlingelt sich darauf zu. Hinter dem Stacheldraht patrouillierende Doppelposten. 20 Meter vor dem Turm. Ein Feldstecher ist auf mich gerichtet von da oben. Und eine Kamera. Und ein Gewehrlauf. Ich gehe in 20 Meter Entfernung am Verhau entlang. Der Gewehrlauf folgt meiner Bewegung. Der Gewehrlauf folgt jedem Schritt, den ich gehe.

 


Quelle: Eckart Kroneberg, 15.09.1961, Feuilleton, Zeit, Nr. 38, - Seite 9-10. OCR, Textbearbeitung und screengerechte Darstellung Ralf Gründer

 

FN 1: Der Fall Gleiwitz : Gerhard Klein [Regie] ; Erich Albrecht [Prod.] ; Wolfgang Kohlhaase [Drehbuch] ; Günther Rücker [Drehbuch] ; Jan Čuřík [Kamera] ; Hannjo Hasse [Darst.] ; Herwart Grosse [Darst.] ; Hilmar Thate [Darst.] ; Kurt Schwaen [Komp.]. - DEFA-Spielfilm, DDR, 1961, ca. 63 Min. Dt.