Eckart Kroneberg, Zeit - Nr. 28, Feuilleton, Seite 9 - 10, 15.09.1961

 

Sonnenallee

Übergang für Westberliner. Zoll und ein Bereitschaftswagen der Schupo auf dieser Seite. Immer noch Gartengelände, aber schon erheben sich da und dort Wohnblocks. Betonplatten auf der Straße, links, rechts, links, rechts, Slalom nennt man das. Dazwischen Grenzpolizei, jeder hat seinen Feldstecher und benutzt ihn ohne Pause. Gleich hinter dem Stacheldraht eine Großbaustelle, Wohnhäuser, langgestreckte Kästen. Ein hoher Baukran. Als Baumaterial benutzen sie diese rötlichen Betonplatten, das heißt: Großblockbauverfahren. Sie waren sehr stolz darauf, als sie es vor Jahren zum erstenmal am Ostbahnhof ausprobiert hatten. In Windeseile kannst du aus diesen Platten Häuser erbauen. Und Mauern. Auf dem runden Zementsilo steht mit großen Buchstaben: VEB VOLKSBAU BERLIN LICHTENBERG. Sonnenallee ist ein Übergang für Westberliner, aber es geht niemand rüber. Am Fahrbahnrand im Westen liegt ein verrotteter Totenkranz, merkwürdig, gut erhalten die weißen Schleifen Ein letzter Gruß von Klaus, Irmgrad und Heiner.

Übergang Sonnenallee

Übergang Sonnenallee. Quelle: Berliner-Mauer-Archiv, Signatur: Gt/DDR-0215-1084, Aufnahme ca. Dezember 1988