Eckart Kroneberg, Zeit - Nr. 28, Feuilleton, Seite 9 - 10, 15.09.1961

Schlesische Straße

In der Schlesischen Straße, sie ist sehr breit, fehlen noch immer viele Häuser. Die Ruinenfelder sind mit weißen Holzgittern abgezäunt, Plakatwände: Drüben auch im Herbst! Frisch und froh durch Fanta! Aus einem Kiosk weht es verführerisch: Currywurst, Schaschlik. Ein Arbeiter fordert mich auf, ein Bier mit ihm zu trinken. Er sagt; “Ich habe nämlich heute mein’ sozialistischen Tag, Nasdarowije!” Er setzt sein Glas ab, wischt sich den Mund und sagt: “Den Nikita, den mißte man uffhängn.”

Es geht gegen Abend. Die Pastellfarben der breiten Berliner Straßen. Kreuzberg. Eine Arbeitergegend, hätte man früher gesagt. Und noch früher: Proletarierviertel. Das alles stimmt nicht mehr. Die Burschen sind schon gekleidet zum Ausgehen. Sie haben die “Fliege” unter die Kragenecken geklemmt. Ihre Mädchen schminken sich die Lippen modisch blaß. Kein Unterschied zwischen Schlesischer Straße und Kurfürstendamm, was das betrifft.

Die Schlesische stößt auf die Oberbaumbrücke, auch das ist ein Übergang für Westberliner, aber niemand passiert die Sperre. Die Hochbahnbrücke über den Osthafen ist ein Alptraum. Als Brückenpfeiler dienen zwei neugotische Backsteintürme, sie sind stark bombengeschädigt. Unter der Brücke bilden Plankenzäune einen verwickelten niedrigen Gang, das ist der Fußgängerweg. Die kleinen Läden unter der Brücke haben geschlossen, hier kauft niemand mehr, die Kundschaft kam von drüben. Hafen- und Speicherbauten am Ostufer liegen Lastkrähne. Die Lücken zwischen den Bauwerken sind frisch vermauert. Ziegel und die rötlichen Betonplatten. Am Westufer lehnen Menschen am Eisengeländer, dicht bei dicht. Sie blicken hinüber.

Blick in die Schlesische Straße, Kreuzberg, Berlin (West), Quelle: BStU, Signatur: MfS-HA-I-Foto 1 - 065

Foto: Blick in die Schlesische Straße, Kreuzberg, Berlin (West), Quelle: BStU, Signatur: MfS-HA-I-Foto 1 - 065

 

Die Straße biegt jetzt vom Hafen ab, (…)