Er war eine schillernde Persönlichkeit und sein Leben stand im Zeichen der deutschen Teilung: Michael Gartenschläger. Der Mann, der 1976 bei dem dritten Versuch, einen Selbstschussautomaten vom Typ SM-70 am Grenzzaun bei Bröthen (Kreis Herzogtum Lauenburg) abzubauen, durch ein Stasi-Sonderkommando erschossen wurde, wurde zum Symbol für die Unmenschlichkeit der hässlichen Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR.

Michael Gartenschläger, 1944 in Straußberg bei Berlin geboren, brennt als Widerstand gegen den Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren, im August 1961, gemeinsam mit Freunden eine Feldscheune der örtlichen LPG nieder. Er wird verhaftet und als politischer Straftäter gerade einmal 17-jährig zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. 1971 wird Gartenschläger durch die Bundesrepublik freigekauft, kommt im Oktober zunächst in das Haus Billetal nach Reinbek und nimmt sich später eine 1-Zimmer-Wohnung in Lohbrügge.

Von nun an betätigt er sich als Fluchthelfer, holt ca. 30 Freunde aus der DDR meist mit seinem präparierten roten Opel in den Westen, kann selbst aus einem jugoslawischen Gefängnis fliehen und pachtet ab 1974 eine Tankstelle in der Kamp-Chaussee in Bergedorf. Ab Herbst 1975 wohnt er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Astrid Stener im Barsbütteler Ortsteil Willinghusen, Bei den Tannen 19a.

Im März und April 1976 demontiert er gemeinsam mit seinen Freunden erstmals unter hohem Risiko neuartige Splitterminen am DDR-Grenzzaun zwischen dem westdeutschen Bröthen und dem ostdeutschen Wendisch-Lieps. Gartenschläger will die Öffentlichkeit wachrütteln und übergibt den ersten Selbstschussautomaten dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. Der DDR-Minister für Staatssicherheit Erich Mielke befiehlt darauf hin die „Festnahme oder Liquidierung" Gartenschlägers.

Im Abschnitt der Grenzsäule 231 bei Bröthen werden die regulären NVA-Grenzsoldaten durch ein Stasi-Sondereinsatzkommando ausgetauscht. Der vierköpfige Stasi-Trupp agiert bereits vor dem eigentlichen Metall-Gitterzaun, aber noch auf DDR-Gebiet. Gartenschläger tappt in die Stasi-Falle: von 9 Kugeln getroffen, wird er in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1976 erschossen und verblutet an der Demarkationslinie. Als „unbekannte Wasserleiche" wird er auf dem Waldfriedhof in Schwerin auf dem Gräberfeld 1/023 beerdigt; seine Schwester Christa Köckeritz erfährt davon erst 14 Jahre später 1990 nach dem Sturz des SED-Regimes.

Die nach der Wiedervereinigung angeklagten Schützen des Stasi-Sondereinsatzkommandos werden im Jahr 2000 vom Landgericht Schwerin freigesprochen. Auch die Planer und Drahtzieher der Aktion im früheren DDR-Staatssicherheits-Ministerium werden nicht bestraft; sie sind entweder zu alt, nicht verhandlungsfähig oder ihre Straftaten sind nach altem DDR-Strafrecht verjährt.

 


Tipp 1 - Lit.:

Lienicke, Lothar; Bludau, Franz
Todesautomatik : die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger / Lothar Lienicke ; Franz Bludau. - Überarb. Neuausg. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl., 2003. - 348 S. : Ill. ; 19 cm.
ISBN 3-596-15913-X

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