M. Gartenschläger | Ein historischer Fall

Michael Gartenschläger - Ein historischer Fall in unserer unmittelbaren Umgebung (Stationen: Notaufnahmelager Gießen, Hamburg, Reinbek)

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Dieter Schmidt am Gartenschläger-Eck DDR-Grenzsäule Dieter Schmidt

Der Fall des Michael Gartenschläger spielt sich dem Grunde nach in unserer unmittelbaren Umgebung ab.

Nach dem Freikauf durch die Bundesregierung kommt Gartenschläger über das Notaufnahmelager Gießen (4. und 5. Juni 1971) und Hamburg (7. Juni 1971) nach Reinbek in das „Haus Billetal“ (Gästehaus des „Hilfswerks der Helfenden Hände e. V.“), früheres Gutshaus Glinde von 1921, Nähe Hamburger Straße. Hier lernt er im Übrigen im Juli 1972 Lothar L.* (geboren in Dresden, Maschinenschlosser, in der DDR wegen versuchter Republikflucht inhaftiert) kennen, der ebenfalls von der Bundesregierung freigekauft worden war. Lienicke ist bei allen drei Demontagen der Selbstschussautomaten SM 70 im März und April 1976 am Großen Grenzknick bei der Grenzsäule 231 im Bergholzer Forst dabei.

Anschließend mietet Gartenschläger eine 1-Zimmer-Wohnung in Lohbrügge, Fritz-Lindemann-Weg 2, in die später auch seine neue Lebensgefährtin Birgit Müller einzieht (ebenfalls aus der DDR, inhaftiert und freigekauft, kennengelernt im „Haus Billetal“ in Reinbek).

1973/74 pachtet Gartenschläger eine Freie Tankstelle in der Bergedorfer Kampchaussee 62 in unmittelbarer Nähe des S-Bahnhofs.

Im Oktober 1975 ziehen Michael Gartenschläger und Birgit Müller von Lohbrügge um nach Barsbüttel in den Ortsteil Willinghusen und mieten ein kleines, von der Straße zurückgesetztes Haus mit einer langen Auffahrt Bei den Tannen 19 a. Das Wohngebiet liegt südlich der Trassenführung der damals noch nicht gebauten späteren Autobahn A 24 von Hamburg nach Berlin.

Das Gartenschläger-Eck bei Wendisch-Lieps in der topografischen Karte des sog. Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Quelle: ASTAK e.V. Forschungs- u. Gedenkstätte, Berlin

Von Barsbüttel, Bei den Tannen 19 a, fährt Michael Gartenschläger im Frühjahr 1976 mit Lothar Lienicke mehrmals an die innerdeutsche Demarkationslinie zwischen den kleinen Orten Bröthen und Langenlehsten/Fortkrug im Bergholzer Forst an die Grenzsäule 231 zum sog. Großen Grenzknick (Verlauf der innerdeutschen Grenze im 90°-Winkel von Osten nach Süden). Gartenschläger und Lienicke fahren dabei von Barsbüttel über Reinbek und Wentorf auf die B 207 nach Schwarzenbek und von dort weiter nach Buchen sowie einige Kilometer ostwärts bis Bröthen und erreichen dort einen betonierten Forstweg, der in südlicher Verlängerung direkt zum Großen Grenzknick führt.

Als Gartenschläger am 31. März 1976 die erste SM 70 von der innerdeutschen Grenze demontiert, erlässt das Amtsgericht Reinbek (Parkallee 6) am 2. April 1976 einen Durchsuchungsbeschluss, in dem Ermittlungsverfahren gegen den „Beschuldigten Michael Gartenschläger“ für dessen angemietete ... OT Willinghusen, Bei den Tannen 19 a. Die SM 70 werden bei der Hausdurchsuchung nicht gefunden. Den ersten Selbstschussautomaten hatte Gartenschläger dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL übergeben (anschließend weiter an die Staatsanwaltschaft Hamburg), die zweite SM 70 hatte Gartenschläger auf dem Grundstück des von ihm gemieteten Hauses in Willinghusen unter einem Komposthaufen vergraben. Einen zweiten Durchsuchungsbeschluss erlässt das Amtsgericht Reinbek am 23. April 1976. Die zweite SM-70 wird erst nach Gartenschlägers Tod am 30. April/1. Mai 1976 gefunden.

Auf westdeutscher Seite ist für den südlichen Grenzabschnitt im Kreis Herzogtum Lauenburg die Grenzschutzabteilung III/7 in Schwarzenbek zuständig (dort ist insbesondere der Stabsmeister Lothar Vogt, 1972 bis 1992 Sachbearbeiter Sicherheit, authentischer Zeitzeuge des Geschehens, der Gartenschläger mehrfach an der Grenze antrifft und mit ihm spricht). Vom westdeutschen Zoll ist die Zolldienststelle Buchen zuständig; hier ist insbesondere der Zollbeamte Dieter Schmidt, Buchen, Zeitzeuge der Ereignisse vom Frühjahr 1976.

Der gesamte Fall Michael Gartenschläger spielt sich daher von 1971 bis 1976 in unserer unmittelbaren Umgebung im östlichen Hamburg bzw. im südlichen Schleswig-Holstein in den Landkreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg ab.

Prägnante Orte der vormaligen innerdeutschen Grenze im Kreis Herzogtum Lauenburg
(von Norden nach Süden)

Groß Grönau / Nädlers Horst
Rothenhusen / Wakenitz / Ratzeburger See
Wietingsbek / Schlagsdorf
Mustin / Richtung Gadebusch
Goldensee / Dutzow
Marienstedt / Schaalsee
Klein Zecher / Staatsforst
Gudow / Sophiental / Boize
Langenlehsten / Fortkrug / Leisterförde
„Gartenschläger-Eck", Bröthen
Buchen / Schwanenheide
Dalldorf / Kanal / Delvenau / Zweedorf
Lauenburg / Horst / Bickhusen / Lanze

 


*Lothar Vogt (vormals Stabsmeister beim Bundesgrenzschutz) erklärt, dass Lothar L. auch Stasi-IM „Harry” ist. Auch wenn L. behauptet, Michael Gartenschläger nicht an seine Genossen bei der Stasi verraten zu haben, ist es doch schwer glaubbar, dass es sich hier um einen Zufall handelt. Es ist doch, folgt man der Logig der Täter, viel wahrscheinlicher, dass die Stasi den „Staatsfeind” Gartenschläger vollständig eingekreist hatte, um den Erfolg der Liquidation sicherzustellen. Diese herangehensweise wäre vergleichbar mit der Tötung von Benno Ohnesorg, dessen Liquidation als Notwehr getarnt wurde. Erst die Zeit und die zufällige Entdeckung von Akten durch zwei Wissenschaftler brachte ans Tageslicht, dass der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras (alias IM „Otto Bohl“) gezielt Benno Ohnesorg erschossen hatte und das zeitgleich zwei weitere Stasispitzel das Opfer flankierten, vermutlich, um unabhangig über den Erfolg der Liquidation berichten zu können.

Tipp - Web: Karl-Heinz Kurras

Tipp - Lit.:

Soukup, Uwe
Wie starb Benno Ohnesorg? : der 2. Juni 1967 / Uwe Soukup. - Berlin : Verl. 1900, 2007. - 272 S. : zahlr. Ill.
ISBN 978-3-930278-67-1