Bernd Ulbrich | Wie ich die Stasi enttarnte

Wie ich dreimal die Stasi enttarnte

Prolog

Ich habe noch Schabowskis vollmundigen Ausspruch vor uns Autoren des Schriftstellerverbandes der DDR im Ohr. Anfang ’89 auf einer Versammlung tönte er anläßlich gewisser kritischer Vorhaltungen unsererseits, über die Machtfrage werde man nicht diskutieren. An diese Allerhöchste Weisung hielten sich denn tatsächlich auch alle; niemand diskutierte zu Jahresende mit den Machthabern. Sie wurden einfach hinweggefegt. Der Zusammenbruch war so total, wie es zuvor deren Herrschaft gewesen war. Totaler geht’s nicht. Die Steigerung gibt es so wenig wie die von tot, höchstens untot. Bleiben wir bei der Sache: Wie konnte es dazu kommen?

Genosse Mielke, Auge, Ohr und Schwert der Partei hatte versagt. Natürlich, was soll man von einem Menschen erwarten, der nicht mal den perfekten Doppelmord zustande bringt? Damals schon in den Zwanzigern, noch ehe der Mörder zum Großen Bruder aufstieg, hat er entsetzlich geschludert. Auch wenn später die Überwachungsmaschinerie perfekt erschien, sie war es nicht. Dafür lieben wir den Großen Bruder, nicht von ganzem Herzen, aber doch wegen seiner menschlichen Fehler und Schwächen. Denn wer ist schon vollkommen? Er liebte uns ja auch, sogar alle, selbst mich. Hätte ich davon gewußt – aber lassen wir das. Auf dieser Basis, der der gegenseitigen Liebe, hätte aus dem Sozialismus Großes werden können. Allein, eine Idee kann noch so ideal sein, das große Heer der Mitläufer und Trittbrettfahrer stutzt sie auf sein Mittelmaß zurecht. Genosse Mielke selig: Je größer dein Heer der Denunzianten und Spitzel wurde, desto bestimmender wurde der Teil an Unfähigkeit. Andere Geheimdienste arbeiten klein und exklusiv, mit mehr Erfolg. Das Volk hat nie etwas davon. Aber wenigstens sind wir euch losgeworden. Jeder eurer Siege war ein Pyrrhussieg. Jeder unserer seltenen kleinen Siege ein Nagel zu eurem Sarg.

I. Episode

Mitte der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre studierte ich an der Humboldt-Universität zu Berlin Chemie. Zusammen mit einer Freundin wohnte ich in einem Berliner Vorort. Wir hatten die Wohnung meiner Tante besetzt, die sich per Intimverhältnis zum Wohngebietsparteisekretär eine Besuchsreise zu Verwandten in Westdeutschland erarbeitet hatte. Tantchens Cleverness war ein Begriff in der Familie. Wir verdächtigten, sie wolle ‘drüben‘ bleiben und vorher die Versorgungsmöglichkeiten als Kriegswitwe und Vertriebene eruieren. Ärztliche Atteste bescheinigten ihr Reiseunfähigkeit. Die Sache zog sich hin. Als Student an einer sozialistischen Universität saß ich unter diesen Umständen ein bißchen auf dem Pulverfaß. Manchen Leuten war ich ohnehin ein Dorn im klassenkämpferischen Auge, da ich offenbar weder innerlich noch äußerlich dem Idealbild eines sozialistischen Studenten entsprach. Andererseits verfügte ich über eine einwandfreie proletarische Legende. An meinem bescheidenen Studentensitz war so einfach nicht zu sägen. Wenn man mir nun aber Mitwisserschaft an den Republikfluchtplänen meiner Tante hätte nachweisen können!

Eines Tages, ich war soeben aus der Straßenbahn, dem letzten der Transport¬mittel zu meiner heimeligen Wohnung, gestiegen, klopft mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um und blicke in ein fremdes Gesicht.

„Ja, Mensch“, tönt es mir entgegen, „erinnerst du dich nicht. Ich habe doch in der Gewi(Gesellschaftswissenschaften)-Vorlesung immer hinter dir gesessen.“

Aha! Immer.

Dazu muß man Folgendes erläutern: Die Gewi-Vorlesung fand damals für die gesamte math.-nat.-Fakultät, für die Mediziner und vielleicht noch für die Geisteswissenschaften im Auditorium Maximum, benannt Marx-Engels-Auditorium, kurz Audi-Marx, im Hauptgebäude der Uni statt. Zwischen fünfhundert bis tausend Studenten versammelten sich in der unbeliebten Frühe zur noch ungeliebteren Vorlesung. Der Massenbetrieb anonymisierte. Da konnte es schon sein, daß man den Hintermann in der Bankreihe nicht wiedererkannte, mit dem man vielleicht mal oder auch öfter einen Witz oder einen Radiergummi getauscht hatte. Das konnte sein. Wenn man dagewesen wäre.

Der rationell arbeitende Student Ulbrich verfügte über die Verbindung zu einer al¬ten Freundin, Studentin der Psychologie. Das fleißige und gewissenhafte Mädchen verfertigte hervorragende Mitschriften. Eine Durchschrift erhielt der alte Freund. Mit Kenntnis des Inhalts absolvierte er stets mit gutem Ergebnis die anberaumten Prüfungen am Studienjahresende und reduzierte im übrigen seine Anwesenheit bei der Vorlesung auf ein einziges Mal, um den Prüfer wenigstens wiedererkennen zu können. Er konnte also nicht gut immer (sic!) vor einem gewissen Kommilitonen gesessen und diesen dann vergessen haben.

Damit war klar, wen ich vor mir hatte. Was für ein Zufall, wohnte der Unbekannte auch noch in derselben Straße. Eine Zeitlang wurde er dann unser Hausfreund. Wir kannten ja seinen Auftrag und hatten nichts zu verbergen. Aber es war ein reizvolles Spiel. Daß wir drei Jahre später die Wohnung per feindlicher Übernahme an einen Stasimitarbeiter verloren, ist vielleicht reiner Zufall und ohnehin eine andere Geschichte.

II. Episode

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre hatte ich den akademischen Beruf an den Nagel gehängt und den Schritt in die freiberufliche Existenz gewagt. Schriftsteller zu werden, das war mein Traum. Erste Erfolge und Verträge ließen hoffen. Damals verkehrte ich in einem Kreis von Intellektuellen und Künstlern, Ärzten, Malern, Schauspielern, darunter auch Peter M., seines Zeichens Mitarbeiter in irgendwelchen Bühnenwerkstätten und angeblich Maler. Der Freundeskreis wußte, daß sein Vater Stasichef in einer Nordprovinz und seine Brüder alle bei der ‘Firma‘ waren. Er selbst gab sich als das schwarze Schaf. In der Malerei dilettierte er grauenhaft und seine Allgemein-, wie die Bildung in Kulturgeschichte und bildender Kunst waren mangelhaft bis dürftig, mit anderen Worten, er war als IM „Leonardo“ nicht eben der Qualifizierteste. Aber irgendwie ein Kumpel, selbst wenn‘s zur Tarnung gehörte, daß der auch mal das eine oder andere Material besorgen konnte, das es im Handel nicht gab.

Peter bewohnte eine kleine Altbauwohnung in der vierten Etage, Nähe Ostkreuz. Dort galt es eines Tages zwecks Modernisierung der Heizung den alten Kachelofen abzureißen. Ich erklärte mich bereit, dem gefälligen Burschen zu helfen. Das Wetter war schwülwarm, fünfunddreißig Grad im Schatten, Gewitterneigung. Unter diesen Bedingungen hinterlassen vier Treppen hinauf und hinab unter Schwerlast nach Stunden ihre Spuren auch im jungen Körper. Gegen neunzehn Uhr waren wir fix und fertig, der Schädel dröhnte, die Muskeln schmerzten. Vielleicht wuschen wir uns notdürftig und zogen dann – unverwüstlich – in die nächste Kneipe zu Bier und Essen. Mein Freund war spendabel. Nach dem dritten oder vierten Pils stellte dieses schlichte Gemüt dem angehenden Schriftsteller die schicksalsschwere Frage: „Sag mal, hast du nicht mal vor, über die faschistoide Entwicklung im Sozialismus zu schreiben?“

Genossen, bitte! Wofür habt ihr mich gehalten? Plumper ging’s wohl nicht. Ihr glaubtet offenbar, einen Idioten vor euch zu haben. Ich bin beleidigt, noch heute. Einen fähigeren agent provokateur hätte ich schon verdient, schon damals. Aber Achtung vor der Kunst war eben nicht eure Stärke. Was ihr nicht gewußt habt, aber doch bei gewissenhafterer Vorbereitung hättet wissen können: Das Phänomen des ‘Filmrisses‘ ist mir nie widerfahren. Alkohol lähmt mir höchstens die Glieder, niemals den Verstand. Merkt euch das fürs nächste Mal.

Mit einem Schlage war ich also hellwach. Alle Alarmglocken schrillten, und ich redete mich mit anderweitigen literarischen Ambitionen heraus. Peter bestellte für sich ein Bauernfrühstück, und ich aß mit gutem Appetit Bratkartoffeln und Sülze. Noch ein Bier? Aber ja, warum nicht? Hab ich mir doch verdient. Netter Abend heute.

III. Episode

Anfang der achtziger Jahre - ich war mit meiner damaligen Frau gerade, und erstmals in meinem knapp vierzigjährigen Dasein, in eine endlich geräumige und gut ausgestattete Wohnung gezogen - besaß ich bereits den Status eines anerkannten und erfolgreichen Schriftstellers. Man warnte mich zwar – noch freundschaftlich – ‘so‘ nicht weiterzuschreiben, ließ aber offen, was man damit meinte. Es endete – einige Jahre später – im (nie ausgesprochenen) Publikationsverbot. Nur dessen Hintergrund wurde mir einmal deutlich, als eine Kulturministeriumsmitarbeiterin mich am Ende einer von mir initiierten Unterredung bat, ›einfacher‹ zu schreiben. Man habe bei meinem letzten Buch nicht gewußt, was man da erlaube. Ich antwortete, daß ich das nicht mit Absicht machte, ich könne nicht anders. Aber das ist wiederum eine andere Geschichte. Eine solche brachte meine Frau in unsere Ehe mit ein.

Ihr Ex-Mann, ein Luftikus und Abenteurer sondergleichen, hatte sich vorgenommen, die DDR illegal auf dem Luftwege zu verlassen. Dazu boten sich diverse Möglichkeiten an: das Kapern eines Passagierjets, der Eigenbau eines Heißluftballon, ein Katapult, der Ritt auf einer Kanonenkugel, ein Ultraleichtflugzeug oder eben das schwierigste aller Fluggeräte im Bau wie im Fliegen, ein Helikopter. Die Stasi behauptete später, das Ding wäre geflogen. Aber wahrscheinlich handelt es sich hierbei um eine der üblichen strafverschärfenden Zwecklügen.

Drei Mann werkelten also in einer Laube am Rande Berlins und dreißig wußten davon, eine Clique aus Hallodris, Aufschneidern und Kleinkriminellen, wie sie heimlicher nicht vorstellbar ist. Einer von ihnen muß einen Nebenberuf gehabt haben, jedenfalls schlugen die ‘Organe‘ Anfang jenes Jahres zu und beschlagnahmten auch das halbfertige Fluggerät. Als verdächtige Mitwisserin wurde meine Frau einvernommen und wieder laufengelassen. Wir wußten ja nichts. Aber, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, man traute unserer staatsbürgerlichen Treue nicht.

Kurze Zeit später, im zeitigen Frühjahr, rief mich ein ehemaliger, nunmehr in wissenschaftlichen Polizeidiensten stehender Kommilitone an. Nun ja, den Begriff Polizei muß man nicht so eng sehen. Ob wir uns nicht mal miteinander besprechen könnten, die alten Zeiten und so? Wir verabredeten und trafen uns. Einige Histörchen wechselten zwischen uns hin und her. Schließlich war auch das sozialistische Studentenleben mitunter eine feuchtfröhliche Angelegenheit gewesen. Ich wußte allerdings, daß er, Kumpel wie er eben auch war, mich mindestens einmal herausgehauen hatte, als man mich noch gegen Ende des Studiums mit dem Vorwurf: es sei zweifelhaft, ob ich mich jemals zu einem sozialistischen Absolventen entwickeln würde, exmatrikulieren wollte. So was gab‘s also auch.

Der offizielle Zweck unseres Treffens kam schließlich heraus: er wolle mich zu einer Lesung vor Kollegen einladen. O ja, ich hatte nichts dagegen. Die Lesung sei allerdings erst im Herbst geplant und Honorar könne man mir auch nicht zahlen. Unter unauffällig scharfem Blick seinerseits witzelte ich, tja, wenn die Firma so arm sei, würde ich es selbstverständlich gern auch für umsonst tun. Wir trennten uns freundschaftlich, auch wenn der Hintergrund mir längst klar war:

Für den Herbst war, wie wir, meine Frau und ich, inzwischen erfahren hatten, der Flug des Phönix geplant. Geriet ich nun, bei Nennung des Termins, ins Stottern oder errötete, knetete ich die Hände, bildeten sich Schweißperlen auf der Stirn, weil ich ja den belastenden Gedanken zu verbergen trachtete, im Herbst als Helikopterpassagier abtrünnig werden zu wollen oder wenigstens als Mitwisser es längst geworden war! Gleichzeitig baute der Genosse Kommilitone eventuellen Honoraransprüchen meinerseits vor, sollte sich der Verdacht nicht bestätigen. Denn die Lesung war natürlich nur Vorwand.

Bei meiner Ehre, ich hätte es für umsonst getan! Mit diesem Text. Zu spät. Ihn hätte ich gar zu gern Typen um die Ohren gehauen, die den Zynismus besaßen, angesichts einer nach längerem Zeitraum endlich aufgefundenen, an der DDR-Wirklichkeit verzweifelten, Selbstmörderin - bei welcher der Verdacht bestand, sie könnte die DDR, das wahre Vaterland aller Werktätigen und Heimstatt des Friedens und des Humanismus schlechthin, illegal verlassen haben - den Hinterbliebenen zu erklären: „Sie ist Gott sei Dank nicht im Westen!“ Aber das ist wiederum eine andere Geschichte.

Epilog

Genossen, so konnte das nichts werden, mit eurer schlampigen Arbeit. Ihr habt die Grundregeln konspirativer Tätigkeit gröblichst mißachtet. Erstens: gründliche Vorbereitung. Zweitens: den Gegner, also mich, niemals unterschätzen. Drittens: nicht mit Geld knausern. Wieviele große Werke sind schon gescheitert, weil an der falschen Stelle gespart wurde. Merkt euch das fürs nächste Mal. Vielleicht könnt ihr beim Mossad lernen. Der arbeitet auch sparsam, aber effizient. Eichmann hättet ihr nie gefaßt.

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Tipp: Ulbrich, Bernd
Der unsichtbare Kreis : utopische Erzählungen / Bernd Ulbrich. - 4. Aufl. - Berlin : Verl. Das Neue Berlin, 1982. - 294 S. - Sammlung