Nikita Sergejewitsch Chruščev (Parteichef der KPdSU)

Die starke Inanspruchnahme durch andere Angelegenheiten und später die Ereignisse im Raum des Karibischen Meeres hinderten mich daran, Ihr an mich gerichtetes Schreiben (FN 1) zu beantworten.

Als ich Ihr Schreiben erhielt und es las, überlegte ich mir, welchen Zweck Sie verfolgten, als Sie es abschickten. Der junge Deutsche, von dem Sie schreiben, hat die Grenze verletzt - ich mache Sie, Herr Kanzler, nachdrücklich darauf aufmerksam, daß er die Staatsgrenze der DDR verletzt hat - und ist bedauerlicherweise ein Opfer des Verbrechens geworden, in das er von sich faschistisch gebärdenden Hetzern aus der Bundesrepublik und aus Westberlin getrieben worden war. Und um derartige Vorfälle auszuschalten, die den Vätern, Müttern, Familienangehörigen und allen Menschen, die in Frieden und Eintracht leben wollen, schweres Leid bereiten können, muß man die wahren Ursachen, die die Spannungen an der Grenze zwischen Westberlin und der DDR hervorrufen, untersuchen und die erforderlichen Konsequenzen ziehen. Leider weichen Sie dem immer wieder aus. Ich bin sehr besorgt über die Lage, die sich in Westberlin herausgebildet hat, und darüber, daß sich an den Grenzen dieser Stadt zur Deutschen Demokratischen Republik zutiefst bedauerliche Zwischenfälle ereignen.

In letzter Zeit sind der Öffentlichkeit viele neue peinlichst überprüfte Tatsachen und Dokumente über unerhörte Verbrechen unterbreitet worden, die von Westberlin aus im Laufe von mehr als zehn Jahren verübt wurden und Anlaß zu Warnungen, Protesten und Vorstellungen gaben. Darüber ist vor kurzem eine Dokumentation erschienen, die Sie gewiß besitzen werden (wenn Sie wünschen, wird Ihnen dieses Buch zugeschickt werden). Die Besatzungsbehörden der drei Mächte und die deutschen Organe Westberlins reagierten auf die erwähnten Vorstellungen in der Regel mit Schweigen, da die Tatsachen nicht widerlegt werden können. Ja, offenbar wollten Sie diese Tatsachen nicht einmal indirekt verurteilen, da die Politik derartiger Verbrechen sozusagen von Staats wegen organisiert wurde und man sich von ihr nicht loszusagen gedachte. Im Gegenteil: Die Behörden der Deutschen Bundesrepublik stellten diese Politik offen und schamlos als eine wohlüberlegte und vorbedachte Politik hin. Nun aber wollen Sie die Schuldigen an der entstandenen gespannten Lage irgendwo anders suchen.

Spionage und Diversionsakte verschiedener Art, ihrem Ausmaß nach beispiellose Devisen-und sonstige Schiebungen und in letzter Zeit Provokationen an den Grenzen "Westberlins zur DDR - alles nur Mögliche und Unmögliche wurde von Westberlin aus unternommen, um die sozialistische Ordnung der DDR und anderer Länder, um das Gebäude des Friedens zu unterminieren.

Wie bekannt, hat die Deutsche Bundesrepublik nicht das geringste Recht auf Westberlin. Die Bundesbehörden aber haben diese Stadt mit ihren offiziellen und inoffiziellen Institutionen, mit Beamten aller Ränge und Ressorts überschwemmt. Sie werben Westberliner Jugendliche für die Bundeswehr und wollen die Wirtschaft der Stadt den militärischen Bedürfnissen der Deutschen Bundesrepublik anpassen. Die Bundesregierung inszenierte dort einen Schandprozeß gegen die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, einen Prozeß gegen Menschen, die die Ehre und das Gewissen des deutschen Volkes in den Jahren des Kampfes gegen das Hitlerregime verkörperten und heute offen für ihre antifaschistische Gesinnung einstehen. Schon diese Tatsache allein sagt beredter als Worte über den Charakter der gesamten Entwicklung aus.

Ihre Minister, Parteifunktionäre, Parlamentarier und alle möglichen Besucher, deren Zahl Legion ist, treiben in Westberlin Tag für Tag eine wütende und gefährliche Hetze gegen den Frieden und gegen die Sicherheit der sozialistischen Nachbarländer. Nach den Reisen dieser «Gäste» kommt es in Westberlin zu neuen Provokationen, Bandenüberfällen auf die Grenze der DDR und dergleichen mehr.

Sie, Herr Kanzler, reisen auch nicht selten hin. Und jedesmal bleiben nach Ihrem Aufenthalt in der «Frontstadt» üble Spuren zurück. Weshalb denn? Wie man sieht, ist es Ihnen nicht um die Interessen der Bevölkerung Westberlins, sondern darum zu tun, diese Stadt für ein feindseliges Treiben gegen die Sowjetunion, die DDR und andere sozialistische Länder auszunutzen.

Die Behörden der Deutschen Bundesrepublik erklären, daß ein Mordanschlag auf Grenzsoldaten, die die Deutsche Demokratische Republik schützen, kein Verbrechen sei, und gewähren den Mördern Asyl. Der Provokateur Müller, der den Grenzsoldaten der DDR Reinhold Huhn ermordet hat, ist geradezu zum Helden gemacht worden. Warum schwiegen Sie, Herr Kanzler, als durch Schüsse aus Westberlin das Leben junger Deutscher, Grenzsoldaten der DDR, ausgelöscht wurde?

Die Tatsachen besagen, daß die Bundesregierung die Deutschen nach und nach mit dem Gedanken vertraut machen will, daß ein Bruderkrieg zwischen Deutschen möglich ist. Bundespräsident Lübke sagte in einer Ansprache vor den Absolventen der Militärakademie der Bundeswehr unumwunden, der Bundeswehrsoldat könnte in die Lage geraten, gegen seine eigenen Landsleute kämpfen zu müssen.

Und da stellt man noch Betrachtungen über sogenannte Kontaktschwierigkeiten zwischen den Deutschen in Ost und West an.

Was müßte getan werden, um eine radikale Gesundung der Lage zu erreichen und den gefährlichen Zwischenfällen an der Grenze Westberlins zur DDR wie auch an den Grenzen zwischen der Deutschen Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik ein Ende zu setzen?

Die einzige Möglichkeit, Herr Kanzler, besteht darin, einen deutschen Friedensvertrag zu unterzeichnen und die Lage in Westberlin zu normalisieren, wohlgemerkt, zu normalisieren. Was heißt das? Das heißt das überlebte Besatzungsregime, das dort faktisch einen NATO-Stützpunkt tarnt, beseitigen; Westberlin den Status einer Freien Stadt gewähren; ihm wirksame internationale Garantien dafür bieten, was Sie und Ihre Verbündeten als absolute Freiheit bezeichnen - das Recht der Bevölkerung Westberlins, ihre Lebensweise und die sozialen Verhältnisse zu bestimmen, ungehindert Verbindungen mit der Außenwelt zu unterhalten -.Garantien für die Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten, gleich von welcher Seite. Notwendig ist auch, die Wühltätigkeit einzustellen, die von dieser Stadt aus gegen die sozialistischen Staaten betrieben wird.

In Westberlin könnte man, wenn nötig, eine bestimmte Zeit lang Truppen stationieren. Umstritten bleibt vor allem die Frage, in welcher Eigenschaft, unter welcher Flagge diese Truppen fungieren und wie lange sie dort bleiben würden. Die Sowjetregierung schlägt vor, daß die Truppen in Westberlin nicht die NATO-Länder vertreten, daß die Flagge der NATO in Westberlin durch die Flagge der Vereinten Nationen ersetzt wird und daß die UNO dort bestimmte internationale Verpflichtungen und Funktionen übernimmt. Die gegenwärtige anomale Lage in Westberlin unverändert lassen, hieße mit Vorbedacht ernste internationale Komplikationen heraufbeschwören.

Wäre es wirklich Ihre aufrichtige Sorge, daß getrennte deutsche Familien wieder zusammenkommen können, so sind hierfür, meiner Meinung nach, vernünftige Vorschläge von der Deutschen Demokratischen Republik gemacht worden. Aber diese wurden von den Behörden Westberlins abgelehnt, wobei das nicht zuletzt auf Ihren persönlichen Einfluß zurückzuführen ist. Also tragen auch Sie die Verantwortung für diese Vorgänge. Das Opfer, das Sie nun bedauern, haben daher diejenigen auf dem Gewissen, die hinsichtlich der Normalisierung der Lage in Europa und hinsichtlich des Abschlusses eines Friedensvertrages mit beiden deutschen Staaten eine derart unüberlegte Haltung beziehen. In Ihrem Schreiben beweinen Sie wehleidig den Tod eines jungen Deutschen. Aber mit Ihrer Politik, mit der Politik der Zuspitzung der Spannungen und die Welt zu neuen Konflikten zu drängen, beschwören Sie eine Gefahr für das Leben von Millionen Menschen herauf, und ich möchte Sie, Herr Kanzler, fragen, wo denn die Barmherzigkeit bleibt, zu der Sie in Ihrem Schreiben aufrufen, warum Sie nicht an die wahrhaft unermeßlichen Opfer denken wollen, die zu beklagen wären, wenn ein neuer Weltkrieg ausbräche. Und ein solcher Krieg wäre, wie Sie selbst zugeben, ein Kernwaffenkrieg.

Die Ereignisse im Raum des Karibischen Meeres haben mehr als deutlich gezeigt, wie viele Gefahren noch dem Frieden auflauern und welche gewaltigen Anstrengungen noch erforderlich sind, um eine Kriegskatastrophe zu verhüten und den Frieden zu bewahren. Die Staatsmänner vieler Länder haben aus diesen Ereignissen die einzig vernünftige Schlußfolgerung gezogen: Man muß unverzüglich an die Regelung der wichtigen internationalen Probleme gehen, die, solange sie ungelöst sind, die Welt in ständiger Spannung halten und jederzeit zu einer Explosion führen können. In jenen besorgniserregenden Tagen war jedoch aus der Hauptstadt der Deutschen Bundesrepublik, aus Bonn, nicht ein einziger Appell zur Beilegung des Konflikts durch einen Kompromiß und guten Willen der beteiligten Parteien zu vernehmen. Die Bundesregierung suchte faktisch die USA in eine Ecke zu drängen, aus der es keinen anderen Weg gegeben hätte als den bewaffneten Zusammenprall der Mächte.

Die ganze Menschheit atmete erleichtert auf, als beide Seiten durch gegenseitige Zugeständnisse dieser Krise die gefährliche Schärfe nahmen und Schlimmstes abwendeten. Bei Ihnen aber, Herr Kanzler, hat das nur Enttäuschung und Unwillen hervorgerufen, dem Sie in Ihren jüngsten öffentlichen Reden freien Lauf ließen.

In einer Rede vor amerikanischen Journalisten in Bonn, am Vorabend Ihrer Reise nach den USA,(FN 2) waren Sie sogar bestrebt, schon die bloße Idee der Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und den USA besonders über die deutsche Frage zu verunglimpfen, versuchten Sie eine Mauer von Vorbedingungen für die Verhandlungen zu errichten, offenbar einzig und allein zu dem Zweck, jeden auch nur einigermaßen fruchtbaren Meinungsaustausch zwischen den interessierten Staaten zu verhindern.

In Ihren Reden in den USA (FN 3) und nach der Rückkehr aus den USA säten Sie unaufhörlich Zwietracht zwischen den Staaten, forderten Sie zur Gewalt, zur Härte, zur Ausweitung der militärischen Vorbereitungen auf. Ihre kürzliche Visite in Westberlin haben Sie ebenfalls dazu genutzt. Sie sprachen nicht von Normalisierung der Lage in dieser Stadt durch Verhandlungen und vernünftiges Übereinkommen, sondern von den Perspektiven der Entfesselung eines militärischen Konflikts und prahlten damit, daß die Bundeswehr in diesem Falle zusammen mit den anderen in vorderster Reihe stehen würde.

Bei jedem Lichtblick, der eine Annäherung der Standpunkte der Seiten verheißt, stimmt die Bundesregierung ein Geschrei und Gezeter über die «Kapitulation» und nahezu den «Verrat» der Westmächte an, läßt sie sich in die verzweifeltsten Kombinationen ein, um ja Abkommen zu vereiteln und die Gegensätze der Großmächte zu einem unlösbaren Knoten zu knüpfen.

Sie wollen Ihre NATO-Verbündeten zum Äußersten treiben. «Es geht um das Ansehen der Vereinigten Staaten in der ganzen freien Welt, die Vereinigten Staaten haben ihr Wort gegeben. Die ganze Welt weiß, daß sie Wort halten werden ...», schrieben Sie unlängst in der amerikanischen Zeitschrift «Foreign Affairs».(4)

Offen gesagt, kann ich Ihre Politik einfach nicht verstehen. Ihnen obliegt doch eine hohe Verantwortung für die Geschicke des Staates, Sie können auf große politische und Lebenserfahrungen zurückblicken. Vor Ihren Augen hat Deutschland schon zweimal einen Weltkrieg entfesselt. Suchen Sie nun etwa nach einem Vorwand für die Entfesselung eines dritten? Sie würden sich aufrichtig freuen, daß die Westmächte «ihrer Pflicht nachkommen». Welcher Pflicht? Halten. Sie es für die Pflicht der Westmächte, einen Weltkrieg zu entfesseln? Ist das ihre Pflicht? Ja, stellen Sie sich denn überhaupt vor, was ein Kernwaffenkrieg besonders für die Deutsche Bundesrepublik bedeuten würde?

Ich denke da an die Geschichte von einem Kind, das zum erstenmal in seinem Leben eine Streichholzschachtel erwischte, die Streichhölzer in der Nähe eines Heuschobers anzündete und naive Freude über das Feuer empfand. Das Feuer aber ergriff den ganzen Schober, das Kind selbst verbrannte, und im Dorf brach eine Feuersbrunst aus. Das ist eine allgemein bekannte Geschichte, und daher sorgen Mütter, Väter und überhaupt die Erwachsenen dafür, daß das Kind, solange es heranwächst, keine Streichhölzer bekommt, und halten ihm alles Feuergefährliche fern. Daraus ergibt sich die Schlußfolgerung: Man darf nicht mit dem Feuer spielen, man muß die möglichen Folgen seiner Handlungen voraussehen (und für Politiker erst recht - auf Jahrzehnte voraus).

Heute sind sich Millionen Menschen in allen Gegenden der Erde bewußt geworden, daß die Entfesselung eines Kernwaffenkrieges unmenschlich wäre und nicht zugelassen werden darf. Diese Stimmungen brachte auch das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, Johannes XXIII., in einer Ansprache auf dem ökumenischen Konzil (5) zum Ausdruck, als er erklärte, «daß die Zeit gekommen ist, entscheidende Schritte zur Sicherung des Friedens zu tun», und als er an die Staatsmänner appellierte, Abkommen durch Verhandlungen anzustreben und «keine Mühe zu scheuen, um das Höchste aller Güter zu wahren» - den Frieden.

Ich bin Kommunist und Atheist und kann die philosophische Weltanschauung des Papstes natürlich nicht teilen, seinen Friedensappell aber unterstütze und billige ich. Doch Sie, ein eifriger Katholik, erkennen die geistliche Führung der katholischen Kirche an und sollten, wie man meinen dürfte, ein besonders feines Ohr für den Appell des Oberhauptes der katholischen Kirche haben.

Heute gilt es mehr denn je, sich um das Löschen eventueller Herde von Konflikten zwischen den Staaten zu bemühen. Eine der wichtigsten, erstrangigen Aufgaben, die den Regierungen der Mächte in diesem Zusammenhang erwachsen, ist eine deutsche Friedensregelung und auf ihrer Grundlage eine Normalisierung der Situation in Westberlin, das aus einem Militärstützpunkt der NATO zu einer Stadt des Friedens und der Ruhe werden muß. Wir haben wiederholt Vorschläge unterbreitet, auf deren Grundlage die vom zweiten Weltkrieg her ungelöst gebliebenen Fragen im Interesse des Friedens und unter Berücksichtigung der Belange aller Seiten geregelt werden könnten. Es geht um die wichtigste Frage: den Frieden zu erhalten und zu festigen. Daher können weder Erpressungen noch Drohungen die friedliebenden Kräfte, die für die Vollendung einer deutschen Friedensregelung eintreten, auf halbem Wege zum Stehen bringen.

Ich möchte hoffen, daß die Staatsmänner, die für die Sicherung des Friedens die Verantwortung tragen, nach den Geschehnissen der letzten Wochen Vernunft, eine tiefere Einsicht in die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit dieses Schrittes zeigen und sich ihm gegenüber entsprechend verhalten werden. Sie werden, so hoffe ich, begreifen, daß unsere Schritte zum Abschluß eines deutschen Friedensvertrages und zur Normalisierung der Lage in Westberlin auf seiner Grundlage guten Absichten entspringen, dem Bestreben, eine wirkliche Gesundung der Atmosphäre zu erreichen, die in Mitteleuropa noch glimmenden Holzscheite des zweiten Weltkrieges zu löschen und den Frieden zu festigen.

Ich möchte mein Schreiben an Sie, Herr Kanzler, mit dem Ausdruck der Hoffnung schließen, daß auch Sie sich guten Taten für den Frieden und die Sicherheit der Völker zuwenden werden, denn sollte der Krieg entfesselt werden, auf den Ihr gegenwärtiger politischer Kurs abzielt, würde die Deutsche Bundesrepublik gleich in den ersten Stunden dieses Krieges verbrennen wie eine Kerze. Das muß Ihnen klar sein.



1 Vgl. das Schreiben des Bundeskanzlers Adenauer vom 28. August 1962 an Ministerpräsident Chruščev; S. 976.
2 Vgl. dazu den Bericht von S. Gruson über ein Gespräch des Bundeskanzlers am 12. November 1962 mit amerikanischen Journalisten in Bonn; The New York Times. International Edition. Vol. uz. Nr, 38275 vom 13- November 1962
3 Vgl. dazu S. 1411 ff.
4 Vgl. S. 1086 ff, (Auszug).
5 Für einen Auszug aus der Rede des Papstes Johannes XXIII, am 11. Oktober 1962 auf dem Zweiten ökumenischen Vatikanischen Konzil vgl. Archiv der Gegenwart. 32. Jahrg. (1962), 10217 f.

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