Bundesminister Merkatz | Fluchtbewegung

Zur Fluchtbewegung aus der Zone

RIAS II/19.1.61/19.00/00

 

ANHANG

Dr. Hans-Joachim v. Merkatz

Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte

Zur Fluchtbewegung aus der Zone

Sprecher: 

Nicht so sehr plötzlich sensationell ansteigenden Flüchtlingszahlen gilt ihre besondere Sorge, Herr Minister, sondern dem ständig fliessenden Flüchtlingsstrom. Ich glaube, es besteht eine grosse Gefahr, dass wir uns einfach daran gewöhnen, dass es eben ein Flüchtlingsproblem gibt, dass eben dauernd Flüchtlinge von der Zone nach der Bundesrepublik hinüberkommen, und das wir langsam etwas gleichgültig werden.

v. Merkatz:

Der eigentlich bedrückende Tatbestand ist die Beharrlichkeit der Fluchtbewegung, die parallel läuft der Beharrlichkeit der kommunistischen Methoden, mit der die Gesellschaft in ihrer Struktur umgewandelt wird. Diese Beharrlichkeit führt dazu, dass sich die Menschen an einen solchen schrecklichen und völlig abnormalen Zustand gewöhnen, und in dem Masse, in dem sich unsere Bevölkerung an diesen Zustand gewöhnt und es als etwas naturgegebenes hinnimmt, besteht natürlich auch die Gefahr, dass das Ausland diesen Tatbestand in der Mitte Europas als einen normalen Zustand hinnimmt und ihn wenig beachtet.

Sprecher:

Von östlicher Seite werden hin und wieder sensationelle Zahlen veröffentlicht über sogenannte `Rückwanderer´, also Flüchtlinge, die nach der Bundesrepublik gegangen sind und von dort in die Zone zurückgegangen sind.

v. Merkatz:

Man muss hier so ein bisschen die Begriffe klarstellen. Rückwanderer nennt die Zone Menschen, die mal aus der Zone in die Bundesrepublik gegangen sind, dann wieder zurückgegangen sind. Rückwanderer nennen wir Menschen, die in die Zone gegangen sind, dann wieder zu uns gekommen sind. Das kehrt sich jeweils um. Exakte Zahlen über die Rückwanderungsbewegung können wir nicht, haben wir nicht, insbesondere, da die Angaben der Zone nicht stimmen, weil sie auch Manschen, Staatsangehörige, deutsche Staatsangehörige, die nur zu einem vorübergehenden Aufenthalt in die Zone gehen, weil sie auch die als Rückwanderer werten. Wir haben aber einen Anhaltspunkt, nach dem wir diese Zahl doch ermitteln können. Nach unseren Erfahrungen sind in unserem Sinne Rückwanderer, also Leute, die vom Osten nach dem Westen wieder zurückgehen und dort bleiben, das ist etwa ein Drittel der Bewegung, der Wanderungsbewegung von West nach Ost. Ein Drittel von denen kommen wieder. Und da haben wir die Zahlen 1957/58/59 je 9 000, und für das Jahr 1960, was interessant ist, weil es einen besonderen Druck darstellt, 12 000, also eine Erhöhung um 5 000 Personen, also schätzungsweise. Wenn das also ein Drittel sind von denen, die vom Westen wieder in den Osten gegangen waren, und dann zurückgingen, wenn das ein Drittel ist, dann kann man die Wanderungsbewegung von der Bundesrepublik in die Zone etwa bemessen auf in den drei Jahren 57/58/59 auf 27 000 : je Jahr und für das Jahr 1960 auf 56 000 Personen.

Sprecher:

Welche Motive können da ausschlaggebend gewesen sein?

v. Merkatz:

Ja, die Motive sind bei Menschen immer sehr unterschiedlich, weil sich da das individuelle Schicksal ja niederschlägt. Schätzungsweise nach unseren Erfahrungen etwa ein Drittel Unzufriedenheit, aus den verschiedensten Gründen. Die Hälfe familiäre Gründe, politische Gründe sind bei der Rückwanderungsbewegung von West nach Ost eigentlich in der Minderzahl, dazu kommt ein kleine Quote der Streuner, die sowieso kommen, ich möchte auch sagen, bei den Jugendlichen, die zurückgehen, vielfach so’no Art von politischer Neugier. Sie wollen's wohl wissen, wie es ganz genau ist, sie glauben es weder von der einen noch von der andern Seite. Nun diejenigen, die wir als Rückwanderer bezeichnen, d.h., die in die Zone zurückgegangen sind, aber dann endgültig wieder zu uns zurückkommen, da kehrt sich das Verhältnis geradezu um. Dort sind etwa ein Drittel echte politische Motive und die Hälfte allgemeine Unzufriedenheit teils politischer, teils gesellschaftlicher, teils auch ganz privater Natur.

Überprüft: Co

 


Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung - Dokumentationsarchiv, Datei: RIAS-Merkatz-19011961-Fluchtbewegun