Kamera, Ton und Schnitt: © Ralf Gründer, Berlin (18.12.2025)
Produktion: DDT - Das freie Dokumentarfilm-Team, Berlin

Topografische Karte der Grenztruppen der DDR mit dem Wohnhaus der Familie Sendler und dem ungefähren Verlauf des Fluchttunnels. 

16 56 2 Haus der Fam Sendler

Die Kiefholzstraße im Bereich des Güterbahnhofs Treptow-Neukölln und der Puderstraße. Der Fluchttunnel endete im Wohnhaus der Sendlers in der Kiefholzstr. 388.

Nachdem Harry Seidel um die 30 Personen durch seinen Fluchtweg durch die Stacheldrahtsperre an der Kiefholzstraße in den Westen geholt hatte, wurde diese Route durch ein bei der Flucht schreiendes Kind von den Grenztruppen entdeckt. Aufgrund seiner guten Ortskenntnis und der Abgeschiedenheit dieses Areals entschied sich Harry Seidel, im Januar hier einen Tunnel zu graben. Hinter einem Busch auf offenem Gelänge grub er sich in den Untergrund und trieb diesen Tunnel Richtung Osten voran. Das Ziel sollte das Wohnhaus der Tischlerfamilie Sengler in der Kiefholzstr. 388 sein. Da das Grundwasser hier sehr hoch stand, stand Harry Seidel schon bei 1, 90 Meter im Wasser. Daraufhin gab er seinen Versuch auf. Im Juni 62 beschließt er, zusammen mit Fritz Wagner, den Tunnel zu revitalisieren. Schon zwei Wochen später sind sie mit dem ca. 60 Meter langen Tunnel am Ziel angelangt. Um für Turniere zu trainieren, und vielleicht auch, um Flüchtlinge zu organisieren, stellen sie die Arbeit vorläufig ein.

Andere Gruppen wurden auf diesen Tunnel aufmerksam und organisieren um die 100 Flüchtlinge, die am 7. August 1962 fliehen sollen. Bei der letzten Fluchthelferbesprechnung ist Siegfried Uhse dabei, der unverzüglich seinen Führungsoffizier bei der Stasi informiert, die sofort aktiv werden, um die Fluchtwilligen DDR-Bürger abzufangen und die Fluchthelfer auf frischer Tat zu verhaften. 

Das Verhängnis hatte seinen Lauf begonnen. Fast alle Flüchtlinge konnten verhaftet werden. Lediglich den Tunnelgräbern gelang es, wieder durch den Tunnel nach Berlin (West) zurück zu kriechen, bevor die Stasi zuschlagen konnte.

Dr. Burkhart Veigel beschreibt in seinem Buch „Wege durch die Mauer“ dieses Scheitern in aller Ausführlichkeit.

Von außerordentlich negativer Bedeutung für den Fluchttunnel war Siegfried Uhse. Als Freund und Fluchthelfer im Bereich der Girrmann-Gruppe verriet der Stasi-Spitzel alle ihm bekannt werdenden Geheimnisse. Besonders tragisch war sein Verrat am 7. August 1962, als ca. 100 Flüchtlinge das „KZ“ DDR durch den Tunnel Kiefholzstraße verlassen wollten. Der Staatssicherheit gelang es durch Uhses Informationen um die 70 Personen zu verhaften. Unter ihnen befanden sich vier Fluchthelfer der Girrmann-Gruppe. Schon im August 1962 führte die DDR einen propagandistischen Schauprozess auf, bei dem die Fluchthelfer Gengelbach, Stachowitz und Sternheimer sowie Sterzig und Fink als „Menschenhändler“ zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden. Das ganze Prozessgefasel relativiert sich daran, dass DDR-Häftlinge aus dem Umfeld des Politischen für die geringsten „Verfehlungen“ mit dragonischen Haftstrafen überzogen wurden, weil der SED daran lag, diese DDR-Justizopfer für hohe Geldbeträge der Bundesregierung zu verkaufen. Durch diesen SED-initierten und staatlich legitimierten Menschenhandel bereicherte sich die SED um mehrere Milliarden D-Mark*, denn im Zeitraum 1964 bis 1989 wurden insgesamt 33.755 politische Häftlinge für 3.436.900.755,12 DM freigegekauft.

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Stasi-Spitzel Siegfried Use, seine Verpflichtungserklärung vom 29. März 1962 und seine Prämien (in West-Währung) für den Verrat.

 


FN * Zwischen 1964 und 1989 wurden insgesamt 33.755 politische Häftlinge aus der DDR für 3.436.900.755,12 DM freigekauft.

Tipp 1: Wege durch die Mauer - Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West / Burkhart Veigel, Berlin : Ed. Berliner Unterwelten im Ch. Links Verlag, 2019, 619 Seiten : Ill., graph. Darst., Kt. ; 23 cm, 5., erw. Aufl. mit  Literaturverz. S. 603 - 610, Deutsch, ISBN 978-3-96289-073-5

Tipp 2: Mut und Freiheit – „Meine“ Flüchtlinge und meine Fluchthelfer-Freunde:, Verlag: BoD, Book on Demand GmbH, 2025, 494 S., etc., ISBN 978-3-8192-1465-3

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