Video: © Ralf Gründer, Berlin (07.01.2025)
Produktion: DDT - Das freie Dokumentarfilm-Team

Ralf Kurpiers spricht im Interview über seine Untersuchungshaft und seine Entlassung aus der Untersuchungshaftanstalt I. Auch erwähnt er die Verstrickungen seiner damaligen Ehefrau Astrid Böker, die angeblich an einem Tunnelbau beteiligt gewesen sein soll. Der Tunnelbau scheint allerdings nicht real zu sein, sondern entspringt der Phantasie des Stasi-Informanten „Bono“, der sich die Gier der Stasi nach Staatsfeinden zu nutzen machte, um sich etwas dazu zu verdienen. 

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Reaktion 1:

Die ganze Erzählung ist unlogisch und unplausibel:

Fluchttunnel mit 300m Länge:

Ein solcher Tunnel ist in keiner seriösen Quelle oder Forschungsliste dokumentiert. Die längsten bekannten Tunnel unter der Berliner Mauer (z.B. „Tunnel 57") hatten maximal etwa 145m. Ein 300-Meter-Tunnel vom Osten aus wäre logistisch undurchführbar gewesen - und historisch auffällig. -

Am 9. Februar 1990 hat es mit Sicherheit keine formelle Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR wegen Ausreise mehr gegeben.

Sehen Sie die Entlassungsurkunde weiter unten!

Das entsprechende Gesetz wurde von der Modrow-Regierung bereits am 30.01.1990 abgeschafft, de facto bestand es schon seit dem Mauerfall nicht mehr. Eine Ausweisung mit der Fristsetzung von 6 Stunden mit maximal 20kg Handgepäck hätte weder eine praktische noch rechtliche Grundlage gehabt.

Auch Untersuchungshaft aus politischen Gründen zählt zu den rehabilitierungsfähigen Tatbeständen.
Die politisch motivierte Inhaftierung in der DDR - auch wenn sie formal als „Untersuchungshaft" deklariert wurde - fällt unter das Gesetz zur Rehabilitierung (z. B. StrRehaG). Das betrifft besonders Haftzeiten, die zwischen 1949 und 1990 lagen und auf nicht-strafrechtliche Grundlage erfolgten.

Die Geschichte, dass Stasi-Agenten am 9. Februar 1990 auf dem Flughafen Tegel noch hinter einer DDR-Bürgerin her waren, entbehrt jeder Grundlage, da die Stasi zu diesem Zeitpunkt bereits in Auslösung und nicht mehr handlungsfähig war. Ein gezielter Zugriff auf Westberliner Territorium (Flughafen Tegel) wäre zu diesem Zeitpunkt juristisch wie logistisch unmöglich gewesen.

(Für die SED/Stasi gab es doch keine juristischen Hindernisse in Bezug auf die Jagd nach Staatsfeinden. Es wurden Kinder und Jugendliche erschossen und Menschen aus Berlin (West) entführt [z. B. Wilhelm van Ackern, Karl Wilhelm Fricke] [*1]. Des weiteren versuchte die Stasi, im Ausland lebende ehemalige DDR-Bürger zu liquidieren, siehe zum Beispiel die Geschichte Willy Hieronymus Schreiber [*2]

Im Februar 1990 waren in der Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen nur noch ehemalige hochrangige DDR-Funktionäre (u.a. Kessler, Mielke, Tisch) inhaftiert, denen man Korruption und Amtmissbrauch vorwarf. Ab Ende 1989 wurden in der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen keine politischen Häftlinge im klassischen DDR-Sinne mehr festgehalten. Es gab also im Frühjahr 1990 bereits keine politischen Gefangenen mehr, die hätten entlassen werden können.

 

Reaktion 2: 

Wenn Sie aufgrund dieser vermeintlichen Ungereimtheiten am Wahrheitsgehalt seiner Darstellung insgesamt zweifeln, was ich selbst mangels einer differenzierten Kenntnis über die entsprechenden Hintergründe und Zusammenhänge nicht beurteilen kann und mir auch nicht anmaße, würde ich ihn an Ihrer Stelle persönlich damit konfrontieren bzw. das direkte Gespräch suchen, was ohne weiteres möglich sein sollte. Dass persönliche Erinnerungen fehlerhaft sein können und man nicht jedem per se die gezielte Verbreitung von Falschinformationen unterstellen sollte, versteht sich wohl von selbst. Im Übrigen: Was einem rein subjektiv plausibel erscheint, muss deswegen ja noch nicht unbedingt den Tatsachen entsprechen.
 
 
Antwort der Redaktion
 
Gleich am Anfang des videografierten Gesprächs erwähnt Herr Kurpiers seine Haftentlassung am 27.11.1990. Das ist natürlich falsch! Hier hat Herr Kurpiers sich versprochen. Das Dokument seiner Haftentlassung lautet auf den 27. November 1989. Um weiteren Irritationen vorzubeugen, werde ich das Video von Youtube löschen, überarbeiten [Texteinbledung des korrekten Datums] und erneut hochladen.
 
Folgende Dokumente belegen die Aussagen von Herrn Kurpiers und können die Leser anregen, ihr positiv-humanes Bild von diesem vergangenen Unrechtsstaat neu zu überdenken! Herr Kurpiers hat jedenfalls seine Stasiakte zur Verfügung gestellt, um der Wahrheit einen Baustein hinzuzufügen. Leider haben Antragsteller nie vollständige Unterlagen erhalten. Sie wurden geschwärzt, um - teilweise - die Täter zu schützen oder, weil der Umfang nicht mehr den Personen zugeordnet werden konnte. Herr Kurpiers hatte ja keinen Antrag zur Fluchttunnelforschung gestellt. Deshalb finden sich in seinen Unterlagen natürlich nur Hinweise auf einen Wollank- und / oder Chausseestraßentunnel, die mit seiner ehemaligen Frau von der Stasi in Verbindung gebracht werden konnten. Wenn aber sogenannte seriöse Forscher von diesen !Tunnelgrabungen! keine Kenntnis hatten, kann man deren Unkenntnis nicht Herrn Kurpiers vorwerfen.
 
Fluchttunnel Chausseestraße

Der Stasi-Informant BONO berichtete ...

 

1970-08.20: Maßnahmeplan über den Verdacht einer Personenschleusung unter Mißbrauch einer Auslandsreise und des ungesetzlichen Einführens von Rauschgift.

 

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1970-09-01: Auszug aus einem Treffbericht vom 31.08.1979

 

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1970-09-04: Sachstandsbericht

 

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1970-09-25: Plan der Maßnahmen zur Verhinderung der beabsichtigten Tunnelprovokation im Grenzabschnitt Wollankstraße / Stadtbezirk Berlin-Pankow

 

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1970-10-01 - Stellungnahme zum Plan der Maßnahmen zur Verhinderung der beabsichtigten Tunnelprovokation 

 

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1970-10-12: Versionen zur weiteren Bearbeitung der feindlichen Gruppierung, die die Tunnel-Provokation im Raum Wollankstraße beabsichtigten

 

1971-08-XX: Operationsplan zum Operativ-Vorgang „Austria“ - Reg. Nr.: XV 1995/70

 

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1971-08-24: Sachstandsbericht zum Operativ-Vorgang „Austria“

MfS HA VI Nr 1210 401MfS HA VI Nr 1210 402MfS HA VI Nr 1210 403MfS HA VI Nr 1210 404MfS HA VI Nr 1210 404MfS HA VI Nr 1210 405MfS HA VI Nr 1210 406MfS HA VI Nr 1210 407MfS HA VI Nr 1210 408

Akte: MfS-HA-VI Nr. 1210 - Sachstandsbericht zum Operativ-Vorgang „Austria“, Reg. Nr. XV 1995/70, Dat.: 24.08.1971

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In dieser Akte wird von einem geplanten Tunnel berichtet, der von der Liesenstraße 13 zum gegenüberliegenden Friedhof reichen sollte. Da Herrn Kurpiers keine vollständige Tunneldokumentation der Stasi von der BStU übergeben wurde, lassen sich nur folgende Schlüsse ziehen. Den Tunnelbau gab es nur in der Phantasie des IM „Bono“, der die Stasi belogen hat, um sich ev. wichtig zu machen, um für seine Spitzeldienste entlohnt zu werden. Ungeachtet dessen war die Stasi wild entschlossen, den Tunnel während eines Fluchtversuchs auffliegen zu lassen und plante u.a., die „Böker“ erst gar nicht festzunehmen, sondern sofort an Ort und Stelle zu liquidiieren.

1990 01 23 Ausreise web1989 11 24 Entlassungsschein web1990 02 09 Entlassung aus der Staatsbürgerschaft Web

li.: Betr.: Ihr Antrag auf ständige Ausreise; Berlin 23.01.1990
mi.: Entlassungsschein aus der Untersuchungshaftanstalt I Berlin, Fritz-Große-Straße 36, 24.11.1989
re.: Urkunde - Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR, ausgestellt für Astrik Böker am 9.2.1990
 
 

Dokument: MfS ....


[*1] Bautzen II - Sonderhatanstalt unter MfS-Kontrolle 1956 bis 1989. Bericht und Dokumentation. 

[*2] Willy Hieronymus Schreiber: Im Visier - Anatomie einer Flucht; Eine zeitgeschichtliche und autobiografische Dokumentation, 261 S., Vindobona, 2001

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